Ayleeanh K'helan

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Hintergrund

"Schaff deine verwachsene Gestalt hier raus und kauf Tierfutter!"

Von einem schweren Tritt, dem sie mittlerweile auszuweichen gelernt hatte, begleitet, wurde das Mädchen vor die Tür gejagt. Sie huschte geschwind um die Hausecke, um ihrer Mutter aus den Augen zu kommen. Ihr Hund kam ihr von der Strasse her bereits schwanzwedelnd entgegengelaufen und leckte freundlich ihre Hände ab.
Ihre Mutter nannte ihn einen räudigen Wolf, aber dem Mädchen war das egal. Er war genauso seltsam gewachsen wie sie selbst, und das machte sie zu ganz besonderen "Verbündeten". Auch sein Körper schien unproportional in die Höhe gewachsen zu sein, seine Beine waren viel zu lang und sein Kopf zu schmal für seine Größe. Allerdings hatte sein Fell im Gegensatz zur Haut des Mädchens eine normale Farbe. Ihre Haut war dunkel, tiefgrau, beinahe schwarz. und ihr Haar war im Gegenzug schlohweiss, wie das einer alten Frau.
Auch litt sie unter einer seltenen Krankheit, denn oft tat das Sonnenlicht ihren Augen weh, und wenn man genau hinsah, konnte man in ihren Augen einen Rotschimmer wie von einer Augenentzündung wahrnehmen.



Ihre Mutter nannte sie nur das Wechselbalg. Ihre drei Schwestern waren "normal". Ihre Mutter schämte sich für sie. Sie liess sie alle schweren Hausarbeiten erledigen, damit sie nicht zu häufig auf der Strasse herumlaufen konnte. Während ihre Schwestern mit den anderen Kindern spielten, musste das Mädchen den Fussboden schrubben, den Latrinenkübel ausleeren, die Betten lüften, die Wäsche durch die Mangel drehen, oder das kleine Gemüsebeet hinter dem Haus von Unkraut befreien.
Wenn sie eine Arbeit nicht zur Zufriedenheit erledigte, sperrte ihre Mutter sie in den Rübenkeller. Manchmal den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht lang.
Das Mädchen hatte sich mittlerweile daran gewöhnt. Sie musste nun etwa 14 Jahre alt sein. Zumindest sagte ihre Mutter, dass sie seit 14 Jahren in ihrem Haus lebte. Sie hatte ihre Schwestern aufwachsen und grosswerden sehen, ohne sich selbst über die Jahre allzusehr zu Verändern. Ihre Mutter sagte, das sei auch ein Teil ihrer Krankheit. Genauso wie ihr Sprachfehler. Wenn das Mädchen nicht sehr gut acht gab, zischte sie. Besonders weiche Laute kamen ihr nur schwer über die Lippen. Manchmal erfand sie sogar Phantasieworte. Die klangen dann alle kehlig, knurrend und zischend. Dem Mädchen kamen sie irgendwie normal und vertraut vor, aber ihre Mutter schlug sie dann jedesmal und sagte, sie wäre verflucht und sie solle diese Hexensprache sein lassen. Das wäre etwas sehr Schlimmes.

Das Mädchen schlenderte hinüber zum Kai, an dem sie oft stundenlang einfach nur herum stand und auf das tiefblaue Meer starrte. Ihr Hund tänzelte um ihre Füsse herum und setzte sich schließlich neben sie auf die knarzenden Holzplanken. Es lagen heute wieder viele Schiffe im Hafen. Männer trugen grosse Kisten auf ihrem Rücken über die schmalen Gehplanken, befüllten Fässer mit Trockenfisch und Frischwasser und nähten mit einer groben Nadel die Säume der Säcke zu, in die sie kurz zuvor erst, genau mit einer grossen Waage abgemessen, Getreide und andere Dinge eingefüllt hatten. Ein reicher Händler, der kostbare Kleider trug, feilschte mit einem anscheinend weniger reichen Händler über Preise, und eine Katze knabberte munter an den Fischresten, die den Fischern aus ihren Netzen geglitten waren. Die Sonne schien warm und hell und brannte dem Mädchen etwas in den Augen, so dass sie blinzeln und ihr Gesicht mit den Händen abschirmen musste. Sie sass dort, ihr Hund lag neben ihr auf dem Boden, und sie betrachteten einfach nur das Treiben am Hafen.
Plötzlich spürte das Mädchen einen harten Schlag gegen ihren Hinterkopf und fiel auch schon einen Moment vornüber auf den Kai. Blut sickerte aus einer Platzwunde an ihrem Hinterkopf und lief ihr den Hals entlang. Vor ihren Augen drehte sich alles. Dann hörte sich auch schon das höhnische Lachen der anderen Kinder.
"Hexe, Missgeburt, Wechselbalg und Geistergerippe" nannten sie sie. Wütend stand das Mädchen auf, wischte sich das Blut aus ihrem Ausschnitt und ging auf einen größeren Jungen zu, der sich im Lauf der Zeit zu dem Anführer der Strassenkinder erkoren hatte. Mit geballten Fäusten stand sie vor ihm, hielt den Kopf gesenkt und knurrte leise.
"Hört nur, sie knurrt wie ein Tier!" lachte der Junge höhnisch. "Und sie stinkt auch wie ein Tier. Sie stinkt genauso wie ihr Köter." Die anderen Kinder vielen in das Lachen mit ein.
Der Junge packte sie an ihrem Zopf. "Na, du Missgeburt? Hast du heute schon Ratten gefressen?" Der Junge zog heftig an ihren Haaren. Dem Mädchen schossen die Tränen in die Augen. Ein anderer Junge hob einen schweren Stein vom Boden auf und warf ihn geschickt auf ihren Hund. Der Stein traf ihn in die Flanke. Winselnd rannte der Hund mit eingezogenem Schwanz davon und suchte hinter einem der Fässer Deckung. Das Mädchen fauchte wie eine gefangene Katze. Sie riss an ihrem Zopf, büßte dabei einiges von ihrem Haar ein und stürzte sich auf den Jugen, der den Stein nach ihrem Hund geworfen hatte.
"Olot dos!" zischte sie, warf sich auf ihn und schlug auf ihn ein. Wie eine Furie setzte sie ihm, der sie um mindesten eineinhalb Köpfe überragte, zu. Mit beiden Fäusten trommelte sie auf seinen Körper ein, auf die Brust, seinen Bauch und sein Gesicht. Sie hörte etwas knirschen, und sein Blut verschmierte ihre Hände.
Die anderen Kinder hatten einen Moment lang mit offenen Mündern neben den Beiden gestanden. Als sie ihren Kameraden jetzt blutend und hilflos zappeld am Boden liegen sahen, stürzten sie sich alle gemeinsam auf das Mädchen. Sie schlugen auf sie ein, zogen an ihren Haaren, traten sie und beschimpften sie mit allerlei Gemeinheiten. Schließlich lag das Mädchen nur noch zusammengekrümmt auf dem Boden und hielt verzweifelt die Arme schützend über ihren Kopf. Nach einer Weile liessen die anderen Kinder von ihr ab.
Tränen der Wut und des Schmerzes standen in ihren Augen. Aber sie hatte die ganze Zeit über keinen Laut von sich gegeben. Wenigstens diese Genugtuung wollte sie den anderen Kindern vorenthalten. Schliesslich verloren sie die Lust und trollten sich.

Das Mädchen wusste, dass das Spiel am nächsten Tag weitergehen würde. Für die anderen Kinder in der Stadt war sie Freiwild. Selbst ihre eigenen Schwestern piesackten und quälten sie. Aber je mehr Leid sie erdulden musste, desto mehr war sie seltsamer auch stolz auf ihre Andersartigkeit. Sie empfand sich insgeheim als etwas Besonderes. Dafür war sie gerne bereit, von den anderen Schläge einzustecken. Nur manchmal, wenn sie den anderen beim gemeinsamen Spielen zusah, wünschte sie sich, ein einziges Mal dazugehören zu dürfen.

Das Futter! Sie hatte ganz vergessen, dass ihre Muter zuhause auf das Tierfutter wartete! Mühsam stemmte sie ihren geschundenen Körper vom Boden hoch, strich ihren etliche Male geflickten Rock einigermaßen glatt und rief ihren Hund. Der streckte vorsichtig die Schnauze hinter einem Fass hervor, und schaute erst einmal, ob die Luft auch wirklich rein war, ehe er zaghaft auf sie zugelaufen kam.
"Du bist mir ja ein schöner Beschützer." schalt sie ihn. "Ich frage mich nur, was du tust, wenn ich einmal nicht mehr da sein sollte." Als sie jedoch sah, dass ihr Hund auf der Seite, an der ihn der Stein getroffen hatte, humpelte, konnte sie ihm nicht mehr böse sein.
"Komm schnell, wir müssen uns beeilen. Sonst schlägt Mutter mich auch noch. Und du musst dann wieder auf der Strasse schlafen."

Der Stall war genau am entgegengesetzten Ende der Stadt. Nur dort konnte das Mädchen das Futter, das ihre Mutter für die vielen Tiere zuhause benötigte, kaufen. Sie rannte humpelnd durch die Strassen und kam schließlich an der grossen Bank vorbei. Einige Männer standen davor auf der Strasse herum und unterhielten sich. Als das Mädchen an ihnen vorbei lief, lachte einer der Männer und machte zu einem anderen eine seltsame Geste.
"Hey Mädchen!" rief er ihr zu. "Wir haben es aber eilig. Wohin wollen wir denn so schnell?" Aprupt blieb das Mädchen stehen.
´Sei artig und benimm dich unauffällig!´ hatte ihr ihre Mutter immer wieder eingebleut. Zögernd wandte sie sich dem Mann zu und antwortete ihm, wie er es von ihr erwartete.
"Ich soll Futter für unsere Hühner und Schweine besorgen. Mutter wird böse, wenn ich mich nicht beeile."
"So so, böse sein wird sie also?" Der Mann lächelte ihr hintergründig zu. "Das wollen wir natürlich unbedingt vermeiden, nicht wahr?" Das Mädchen nickte zaghaft.
"Und weil wir nicht möchten, dass unsere Mutter böse mit uns wird, freuen wir uns natürlich, wenn uns ein netter und freundlicher Mann hilft, ist es nicht so?" Das Mädchen sah sich unsicher um.
"Es trifft sich zufällig," fuhr der Mann fort, "dass ich ein Meister der Arkanen Künste bin. Ich werde dir helfen."
Misstrauisch, ob sie nun gleich wieder ausgelacht würde, starrte das Mädchen den Mann an. Der sprach eine seltsam klingende Formel, gestikulierte kurz mit seinen Händen, und einen Augenblick später erschien neben ihm ein schimmernder Lichtbogen.
"Tretet hindurch, mein Fräullein, dieses magische Tor führt euch geradewegs vor die Tür des Futterhändlers." sagte der Mann gestelzt. "Du wirst pünktlich zu deiner Mutter gelangen." Der Mann verbeugte sich scheinbar freundlich und wies mit der Hand auf das puslierende Licht.
Das Mädchen war immer noch misstrauisch, hatte aber auch gleichzeitig Angst, sich zu sehr zu verspäten. Einen Augenblick lang überlegte sie fieberhaft, dann gab sie sich einen Ruck.
"Ich danke euch für eure Freundlichkeit." bedankte sie sich bei dem Mann, hiess ihrem Hund ihr zu folgen und trat vorsichtig durch das Tor hindurch.

Sie fand sich mitten in der Wildnis wieder! Hinter ihr schloss sich das Tor mit einem leisen Plopp, und die beiden Männer vor der Bank in Trinsic klopften sich vor Lachen auf die Schenkel.

 

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