Sie schritt durch die steinernen Gänge, begleitet von Vier Dienerinnen und den Vier besten Wachen, die das Haus aufzubieten hatte. Ihr hagerer Körper war in ein, für ihre Verhältnisse, schlichtes Gewand, gehüllt. In dunklem Grau gehalten, mit einzelnen schwarzen Fäden durchnetzt, war es ihr auf den Leib geschneidert worden und mehr wert, als die Ausrüstung der Wachen um sie herum. Ihre Zöpfe, kunstvoll geflochten, trug sie wie stets über die Schultern nach vorne über ihre Brüste gelegt. Die fein geschnittenen Gesichtszüge konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die roten Augen oft grausam aufblitzten und schon jetzt, in für Drow jungen Jahren, einen gefestigten Fanatismus aufwiesen. Ihre Sandalen waren ebenfalls ohne kunstvolle Verzierungen und doch kostbarer als eines der meisterhaft gefertigten Schwerter ihrer Wachen.

Starr blickte sie geradeaus, würdigte keine Person eines Blickes. Sie war die erstgeborene Tochter eines der mächtigsten Häuser und sich, trotz ihres geringen Alters, der Macht, die allein die Zugehörigkeit zu eben jenem Hause mit sich brachte, bewusst. Diese Macht reichte aus, um andere Drow nur durch ein knappes Nicken auf die Knie sinken zu lassen. Auch wusste sie, dass diese Macht Gefahren mit sich brachte, denn die unerbittlichen Gesetze der allgegenwärtigen Quarvalsharess - der Göttin Lloth - machten es unvermeidbar, Rivalinnen zu töten. Je jünger und weniger mächtig eine Drow war, desto einfach war es, sie zu beseitigen. Sie selbst hatte mit ihren eigenen Händen getötet, einen Dolch in den Rücken einer Dienerin gestoßen, die es gewagt hatte, ihr zu widersprechen. Sie selbst war schon Opfer eines Anschlages eines velg'larn, eines Assassinen, geworden, doch war die Attentäterin zu ungeschickt gewesen. Die Folterung hatte ihr große Freude bereitet.

Doch die Zeit, welche nun vor ihr lag, würde anders werden. Die relative Sicherheit der Mauern ihres Hauses lag schon weit hinter ihr zurück, als die kleine Gruppe das Achteckige Gebäude erreichten, welches das Zentrum der Stadt darstellte. Arach-tinilith, der Tempel Lloths - und die Akademie der yathrinen, der Priesterinnen Lloths. Auf dem Platz vor dem arach-tinilith herrschte eine rege Betriebsamkeit, schließlich konzentrierte sich in den Räumen dort eine schier unglaubliche Macht, sowohl politische als auch religiöse.

Vor den Stufen blieben sie stehen. Sie bedeutete ihren Begleiterinnen mit einer knappen Handbewegung, dass sie den Weg freizugeben hatten. Ohne einen weiteren Blick auf die Bediensteten zu verschwenden, erklomm sie die Stufen. Zwei wanre del yath, Tempeldienerinnen, hielten nachtschwarze Statuetten, die eine Spinne darstellten, in den Händen. Als sie sich näherte, richteten sie die Statuetten auf sie und segneten sie mit den Worten "Lloth kyorl dos - Lloth schütze Dich." "Lloth kyorl d'jal - Lloth schütze euch alle." entgegnete sie mit einer tiefen Verbeugung. Sie hatte erkannt, dass diese beiden kurz vor der Weihe zur yathrin standen und wusste, dass sie schon bald entweder tot sein würden - oder beginnen würden, die Geschicke der Ilyhthiiri nach dem Willen der Weberin zu leiten.

Heute begann ihre Ausbildung, so denn die yathtallar, die Hohepriesterin Lloths, die sich ihrer annehmen würde, ihre Zustimmung gäbe. Einige Male war sie im Inneren des arach-tinilith gewesen, zu besonderen Anlässen, Feiern, Ritualen, an denen teilzunehmen es für die Adeligen aller Häuser eine Ehre war. Aus diesem Grund erkannte sie die yathtallar, die für sie zuständig sein sollte, schon von weitem. Zielstrebig ging sie auf sie zu. Die yathtallar befand sich in einem Gespräch mit yathrinen, bemerkte daher die sich Nähernde nicht - oder wollte es nicht.

In einigen Schritten Entfernung sank sie auf die Knie, legte ihre Hände auf den schwarzen Bodenplatten aus Obsidian über Kreuz und presste ihre Stirn auf die Handrücken. Ergeben wartete sie, bis die yathtallar Zeit erübrigte, um sich um sie zu kümmern.

Mit einer anmutigen Bewegung wandte die yathtallar sich schließlich um, trat einige Schritte auf sie zu. In einer katzenhaft schurrenden Stimme sagte sie "Veluss phuul dos, il'cikin wanre ?" "Wer bist du, knieende Dienerin?" "Malla yathtallar," "Verehrte Hohepriesterin Lloths" begann sie, "usstan tlun Xemaris, ghil, ulu xun, izil dos daewle." "Ich bin Xemaris, hier, zu tun, was Ihr befehlt."

Die yathtallar ging um die noch immer auf dem Boden verharrende Xemaris herum und sagte dabei: "Dein Haus ist hier nicht mehr von Bedeutung. Die Intrigen deines Hauses ebenso wenig. Du wirst dich von diesen Dingen lösen, denn um eine Priesteirn der Herrscherin über das Unterreich zu werden, wirst du dein Herz und deine Seele geben. Wenn Sie dich nicht für geeignet hält, wirst du sterben - und wenn es auf ihrem Altar ist, wird es eine Ehre für dich sein."

Sie blieb vor Xemaris stehen. Laut sagte diese: "Ja, Hohepriesterin, dies ist mir bewusst. Ich werde Lloth mein Leben widmen. Sie ist unsere Mutter, unsere Leiterin. Ihr gebührt all unsere Kraft. Lloth tlu malla ! Durch Ihre Gnade werden die Ilythiiri zu ihrer eigentlichen Bestimmung finden; über alles zu herrschen. Jal ultrinnan zhah xundus !"

Ein Lächeln strich über die Lippen der yathtallar; ob es ein wohlwollendes oder ein amüsiertes war, konnte niemand erahnen. Sie blickte auf Xemaris hinab. "Steh auf, wanre del yath Xemaris. Ich akzeptiere Dich als Schülerin." Noch während Xemaris sich erhob, wandte sich die yathtallar zum Gehen, während eine yathrin Xemaris Schulter berührte. "Meine Aufgabe ist es, dir den Tempel zu zeigen. Folge mir, ich werde nichts wiederholen."

Xemaris folgte der yathrin, blickte sich aufmerksam um. In Gängen und dunklen Vorsprüngen sah sie die rotglühenden Augen der anderen Drow, die sich wie Messer in sie hineinbohrten. "Die Intrigen der Häuser sind an diesem Ort ohne Bedeutung", dachte Xemaris, "und doch wird gerade hier, wo Lloths Präsenz am stärksten ist, die Intrige das sein, womit ich mich am meisten beschäftigen werde".