Todfeinde

Tage schon lag Sanaa im Tempel und gestern verfrachteten die Schwestern sie in die mächtige, dunkle Festung. Ihr Zustand hat sich nicht gebessert und immer wenn Liliana, die besorgte Rekrutin nach Ihr sah, schien Ihr Schlaf unruhig zu sein und sie murmelte aufgeregt, als wäre sie bei Bewusstsein. Oft schrie sie auch Namen: Fuchs, Coco und Danae oder weinte im Schlaf. Doch ein wenig Hoffnung konnte die Rekrutin haben, denn heute wollte Giro kommen, der schon Nannamel geholfen hatte, wenn... Liliana dachte kurz an Kiahra und den entsetzlichen Fehler, den sie gemacht hatte. Nur zu Gut, daß Nannamel nicht starb, wie Giro Kiahra gewarnt hatte. Wahrscheinlich weil es nur der letzte Trank war, der fehlte.....
Doch Ihre Gedanken kehrten wieder zurück zu Ihrer Bürgin und Chefin, über die sie wachte...
Immer wieder kamen Amazonen in die Kammer und schauten nach Sanaa. Wäre sie wach, hätte sie sich sicher über die massive Aufmerksamkeit gefreut. Trotz des ganzen Besuchs fühlte sich Liliana beobachtet, auch wenn keine Amazone da war. Das änderte sich auch nicht, als Giro da war. Obwohl Giro nur auf die Kranke achtete, schwand das Gefühl bei Liliana nicht...
Lange schaute sich Giro Sanaa´s Verletzungen an. Die meisten waren schon gut verheilt, nur die Bisswunden im Gesicht wollten nicht richtig verheilen, obwohl sie perfekt versorgt zu sein schienen. Immer wieder wurde Giros Arbeit unterbrochen von Sanaa´s Unruhe und den Ausrufen, die sie immer wieder ausstiess. Das Stoffpferd und der Plüsch-Ostard, die Marawyn Sanaa in die Arme gelegt hatte, hielt sie fest umklammert, als wüsste sie, was sie darstellen sollten. "So geht das schon seit langem," meldete sich Liliana zu Wort, als Sanaa wieder lautstark nach Danae brüllte, "und es wird immer schlimmer." "Das ist nichts körperliches," Giro unterbrach kurz seine Untersuchungen und schaute die Tempelwache an, "es ist irgendetwas Seelisches, ich weiss nicht, ob ich Ihr helfen kann," Er blickte die an der Treppe versammelten Amazonen an, "ich brauche Wasser."
Schnell war Wasser besorgt und Giro erhitzte es auf magische Weise. Aus dem kleinen Beutel, den er dann öffnete, strömte der Geruch von frischen Kräutern, während er einen Teil davon in das heisse Wasser gab. Das wohlriechende Gebräu verströmte eine beruhigende Wirkung. "Bitte geht," wendete sich Giro an die versammelten Amazonen, "sie braucht jetzt Ruhe." Nur er selbst und Liliana blieben in dem Raum und wachten über die langsam ruhiger werdende Sanaa. Beunruhigt schaute Giro immer wieder nach der Kranken, weil sein Kraut, daß sie eigentlich in Tiefschlaf versetzen sollte, sie nur beruhigte, leicht beruhigte. Immer noch murmelte sie und schien an Schatten der Vergangenheit zu leiden, doch sie war leiser, ruhiger als die letzten Tage und man musste nun genau hinhören, wollte man die Namen verstehen. Auch Liliana schaute sich beunruhigt um, das Gefühl beobachtet zu werden liess sie einfach nicht los.
Man meint es sind Stunden vergangen, während Giro und die junge Rekrutin die schlafende Tempelwache beobachten, die wesentlich ruhiger vor sich hin murmelt. Immer wieder kommen Amazonen in das Turmzimmer werden aber recht schnell von Giro oder Liliana verscheucht. Doch sie sind nicht alleine und Liliana spürt das, sie sind nicht alleine.
Eine kleine, dunkle Gestalt löst sich aus dem Schatten und beugt sich über Sanaa. Sie schaut fast freundschaftlich auf die Amazone herunter. Wie von einer Tarantel gestochen fährt Liliana, deren Nerven sowieso schon zum Zerreissen gespannt sind, auf die kleine Drow zu: "TinTamarra, was willst Du hier?" "Geh aussss dem Weg, Amazzzone," Tin zischt Liliana an, als wäre sie im Keep der Amazonen zu Hause. Liliana schien voller Wut und Hass und faucht zurück: "Du hast hier nichts verloren. Ihr gehts schon schlecht genug. Du brauchst sie nicht auch noch zu vergiften." "Lasssss mich durch," Tin funkelt Liliana an. Es erschien, als sähe es Tin als völlig normal an, der Rekrutin Befehle zu erteilen. Sowohl Lili, als auch Giro bemerken die unangenehme Hitze, die von TinTamarra ausgeht, doch die Drow schien es nicht zu merken. "Lassss mich endlich durch." "Nein, sie braucht Dein Gift nicht. Was willst Du hier?" Liliana versucht TinTamarra wegzustossen, doch die Glut, die mittlerweile von TinTamarra ausgeht, hindert Liliana an ihrem Vorhaben. Die vor Hitze flirrende Luft breitet sich immer weiter aus und zieht langsam den Wehrturm hoch. Im Schlafraum wird die Luft langsam trocken, das Atmen in der Gluthitze wird schwerer. Angelockt durch die aufsteigende Hitze kommen einige Amazonen wieder in den Schlafraum herunter und versuchen, diese bizarre Szenerie zu verstehen. "WAS WILLST DU?" brüllt die mittlerweile völlig verwirrte Rekrutin. "Meiner Schwessster helfen, wie esssss jede Amazzzone tun würde." Die jetzt völlig verwirrte Liliana lässt sich fast ohne Gegenwehr von der glühenden Drow beseite schieben. Talianna, Sanaa´s Stellvertreterin, hilft die hilflos dreinschauende Liliana wegzuziehen. TinTamarra, mittlerweile rotglühend tritt beherzt auf Sanaa zu und nähert sich mit brennenden Händen ihrem zerschundenen Gesicht. Funken stieben und springen zwischen den beiden Frauen über. Es stinkt penetrant nach verbranntem Fleisch. Mit einem Ruck setzt sich Sanaa auf. Sie schreit. Sie schreit vor Schmerz. Lange und weit hallt dieser Schrei durch Silverbow. Ihre Augen jedoch sind klar und weit offen und sie schaut TinTamarra direkt in die roten Augen, als diese beginnt einen Gesang zu intonieren:


"Lass das Feuer hoch aufflammen
Verbrennen aller Gegner Wehr
Deine Feinde zu verdammen
Vergehen in dem Flammenmeer 

Lass keine Zweifel kalt erstarren
Was durch Flammen dich erhält
Kein Zögern, Zaudern lass dich narren
Ein kaltes Herz ist, das schnell fällt"


In Sanaa´s Augen ist Erkennen, sie erkennt Ihre Feindin, aber der Hass, der sonst beim Anblick der Drow zu sehen ist, fehlt. Kein Hass, keine Verachtung. TinTamarra legt ihre brennenden Arme um Sanaa und zieht sie langsam zu sich. Sanaa´s Gesicht wirft Brandblasen. "NEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNNNNN", Liliana sieht entsetzt, wie TinTamarra beginnt Ihre Bürgin zu verbrennen.

"Feuer und Glut
Tief im Herz
Brennen mit Wut
Befreien mit Schmerz" 

Schreiend reisst sich Liliana los und stürzt auf das ungleich Paar zu, da dort in immer grösser werdenden Flammen steht. Während die Decken auf dem Bett zu brennen beginnen, umfasst Liliana die kleine, nun lichterloh brennende Drow. "Ich wusste es, ICH WUSSTE ES!" Unter sichtlich grossen Schmerzen versucht Liliana ihre Bürgin für der ganz Flamme gewordenen TinTamarra zu trennen. Der Gestank nach brennenden Fleisch wird immer stärker. 

"Hass und Stärke, Zorn und Liebe
Brennen voller Leidenschaft
Das soll sein, was Macht dir gebe,
Einzig lodernd heisse Kraft 

Denk nicht an Gestern, denk nicht an Morgen
Nur jetzt und heute ist, was zählt
keine Ängste, keine Sorgen
Zweifel, Angst - das alles fehlt!" 

"Das kann nicht recht sein, das ist kein gutes Ritual," auch Giro bickt verwirrt und fasziniert zugleich auf das brennende Paar. Talianna und Elaysa ziehen die, sich heftig wehrende Liliana zurück. "Seht Ihr es nicht, sie tötet sie, sie bringt sie um." Doch die beiden Frauen stehen als lebende Fackel im Turm und schauen sich tief in die Augen. Sanaa schreit vor Schmerzen, doch in ihren Augen ist kein Schmerz. "Vas Ylem Rel" murmelt Giro eine magische Formel.

"Feuer und Glut
Tief im Herz
Brennen mit Wut
Befreien mit Schmerz"

Eng zusammen stehen die beiden Frauen in einer riesigen Flamme, zwei Freundinnen eins mit dem Feuer. Giro nimmt die Form eines Geschöpfes der Unterwelt an, doch die lichterloh brennenden Frauen nehmen von Ihrer Umwelt nichts wahr. Hilflos muss die ebenfalls schwer verletzte Liliana zusehen, wir Ihre Bürgin verbrennt. Und sie hört sie schreien, einen Schrei den sie nie vergessen wird.

"Denk nicht an Sterben, nicht an Leben
Nicht an Siegen oder Tod
Niederlagen wird es nicht geben
Solang du nur brennst - zornesrot 

Vergessen sei nun alles Denken
Dieser Tanz hier sei kein Spiel,
Kein fremder Wille soll Dich lenken
Einzig kämpfen sei das Ziel!"

Die Flammen züngeln an der Decke. Die Hitze ist unerträglich. Der Gestank nach verdranntem Fleisch unmenschlich.

"Feuer und Glut
Tief im Herz
Brennen mit Wut
Befreien mit Schmerz"

Blendend hell lodern die Flammen noch einmal auf und ersterben plötzlich. TinTamarra bricht kraftlos zusammen und Sanaa geht in die Knie. "Warum? Warum gerade sie?" Sanaa blickt, völlig übersät von Brandblasen, fragend zu Talianna, die Ihr hilft, die entkräftete Drow auf ein Bett zu legen, "Lian, wieso hat sie das getan?"
Trotz der schweren Decken, die auf Tin liegen zittert sie vor Kälte. Niemand nimmt wirklich Notiz davon, daß Lian sie entkleidet und zu TinTamarra legt um sie zu wärmen. "Giro helf doch, siehst Du nicht wie sie leiden," Elaysa redet auf Giro ein, der Tins Hilfe erst ermöglicht hat und auch nun, ohne Elaysa´s Aufforderung, weiss, was zu tun ist. Er greift wieder zu seinen Kräutern, doch diesmal zündet er ein Bündel an. Der süssliche Rauch wird Schlaf bringen, heilsamen Schlaf. Er weiss, daß dann seine Arbeit getan ist, daß er gehen kann. Sanaa bemerkt, wie die Müdigkeit sie erfasst und in einer letzten Anstrengung hebt sie den Plüsch-Ostard vom Boden auf und steckt ihn TinTamarra unter die Rüstung. "Danke, meine Todfeindin"