Die Zeichen des Hauses Despana an der Rüstung, stand Sethos in der grossen Höhle. Nur ein paar Meter von ihm entfernt überwachte die neue Priesterin der Lloth den Aufbau des Altars. Shalee hatte versprochen ein Heiligtum hier unten zu schaffen als Dank für die Weihe.

Sethos selbst war stolz. Er trug wieder die Zeichen des Hauses, er trug wieder Waffen, und er trug sein Haar wieder offen.

Nur wenige Stunden vor der Weihe war es ihm mit Lloths Hilfe gelungen, dem Schattenkrieger zu entkommen. Er war schon fast am Ende, als er eine kleine silberne Spinne bemerkte die sich auf seiner Schulter niedergelassen hatte. Diese Spinne kletterte von seiner schulter auf den Boden und verschwand in der völligen Dunkelheit. Er musste ihr lange hinterher sehen, bis er endlich die unzähligen anderen silbernen Spinnen bemerkte, die wie ein Faden auf dem Boden sassen. Diesem Faden aus Beinen und kleinen Körpern folgte er nun durch die Gänge. Bei jeder Kreuzung pries er Lloth und sprach die Gebete. Der Schattenkreiger kehrte nicht zurück. Sethos hörte ihn zwar noch furchtbar lachen, aber gesehen hatte er ihn nicht mehr.

So kehrte Sethos nach Stunden wieder in die Höhle zurück in der er das angebliche Orklager erblickte. Auf allen Vieren kroch er zu Hohepriesterin und gelobte Treue für das Haus. Niemals wollte er mehr hier unten allein sein.

Die Weihe selbst erlebte Sethos fast in einer Art Trance. Die rituelle Waschung raubte ihm fast den Verstand, und die Gebete und die macht Lloths machten ihn zu einem willenlos Zuschauer.

Ganz am Ende, als Laele ihm seinen Stand als Krieger des Hauses zurückgab, wusste er, was geschehen war. Er war zurück.......


Den langen, schwarzen Stab Lloths fest in der Hand stand Yathrin Noay vor dem Sanktum und überwachte mit strengem Gesicht und zweifarbig glühenden Augen die Vorbereitungen zur Herrichtung einer neuen Opfernische, die sie Lloth zum Dank selbst entworfen, geplant und aufgezeichnet hatte. Seit der Weihe war um ihren zierlichen Leib keine Lederrüstung mehr geschnallt. Ihr Körper wurde nun von einem schwarzen Gewand umhüllt, ein Gewand, gefertigt aus feinster, durchscheinender Spinnenseide, mit komplizierten, silbern glitzernden Mustern an Kragen und Borten, das sich verführerisch und schmeichelnd an ihre Haut schmiegte. Es war schmal, schlicht, aber perfekt auf Elvanshalees Körper zugeschnitten und beidseitig bis zur Mitte der Oberschenkel geschlitzt. Die Seide fühlte sich an wie ein kühler Luftzug, der flüsternd durch die endlosen, dunklen Gänge des Unterreiches strich. An den Füssen trug sie schwarze Schnürsandalen mit flacher Sohle und einer winzigen, blau leuchtenden Spinne; die dünnen Riemen umschlangen ihre Beine wie zärtliche Schlangen und reichten bis zu den Knien. Eine Sklavin hatte Elvanshalees schimmernde Haut mit einem schmalen silbernen Muster aus verschlungenen Linien und Wirbeln bemalt, das sich vom Ohrläppchen über Hals, Schultern und Arme bis zur Spitze des Mittelfingers hinzog.
Hin und wieder betrachtete sie ihren Stab, fuhr mit den Fingern über die acht daumennagelgrossen Saphire und den Silberknauf, strich über die Schlangenköpfe und streichelte sie. Wenn sie den Stab leicht durch die Luft schwang oder in der Hand hin und her rollen liess, spürte sie ein leichtes Kribbeln, eine kleine, warme Welle der Magie, die über ihre Finger bis zum Ellbogen strich wie der heisse Atem eines Mannes während einer wilden Liebesnacht.
Ein Stab, von Lloth gesegnet, ganz allein für Elvanshalee.

Einige Schritte von ihr entfernt stand Sethos, sein sehniger Körper wieder in einer Rüsung, seine Katana wieder am Gürtel. Sie wusste, dass er sie beobachtete.
Wieder ein Krieger... Die Ilharess musste ihn kurz vor der Weihe in den Kriegerstand zurückerhoben haben, was es ihm ermöglicht hatte, an der Weihe teilzunehmen. Elvanshalee hatte ihn gesehen, aber kaum bemerkt. Die meditative Trance hatte alles – bis auf das Sanktum, die Ilharess und die Yathtallar – um sie herum verschwimmen lassen.
Wieder ein Krieger... Elvanshalee war sehr erleichtert darüber. Jetzt konnte er sich wieder zur Wehr setzen, sein und somit ihr Leben verteidigen, jetzt brauchte sie ihn nicht mehr zu beschützen... Sie würde seine Wunden leichter ertragen, wenn sie wusste, dass er wieder um sein Leben kämpfen konnte.
Kurz wandte sie den Kopf und betrachtete ihn. Er war ein Krieger... Sie lächelte mehrdeutig, als wäre ihr soeben etwas ganz Bestimmtes eingefallen, und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

Fünf Sklaven schleppten trollkopfgrosse Brocken aus schwarzem Stein heran. Ihre Arme, Beine und Gesichter glänzten, ihre Oberhemden waren durchnässt vom Schweiss, die Nasenlöcher vor Anstrengung weit offen. Aber sie gaben keinen Mucks von sich, kein Stöhnen, kein Ächzen, nicht einmal ein lautes Schnaufen. Sie alle fürchteten sich vor dem schwarzen Stab der neuen Priesterin. Er zuckte drohend, wenn ihr etwas oder jemand missfiel, die unheimlichen Schlangenköpfe am oberen Ende zischelten gefährlich, wenn einer der Sklaven es wagte, für einen Augenblick mit der Arbeit innezuhalten, um Luft zu holen. Noch hatte keiner von ihnen den Stab kosten müssen, noch hielt ihn Elvanshalee ruhig in der Hand. Ihr funkelnder Blick liess aber nicht daran zweifeln, dass sie ihr neues Instrument auch tatsächlich benutzen würde, sollte jemand es wagen, ihrem Befehl nicht zu folgen.
"Bring den Block dorthin, zu dem da",
sagte sie mit ruhiger Stimme zu einem Sklaven, der mit einem weiteren Felsblock in der Höhle auftauchte, und wies mit dem Stab auf einen Steinmetz, der etwas abseits an einer kleinen Quelle arbeitete und mit feinem Sand und klarem Wasser aus den noch unscheinbaren Brocken ihre schwarze, unheimliche, matt schimmernde Schönheit hervorlockte.
"A´dos quarth",
stiess der rothe aus, wobei ihm ein leises Ächzen entfuhr. Elvanshalees Augen verengten sich und glühten in tiefstem Purpurrot und Rosa. Ihre schmalen Finger schlossen sich fester um den Stab, während sie langsam auf den Unglücklichen zuschritt, der sich demütig und voller Angst auf die Knie sinken liess.
"Ist die Arbeit für dich zu anstrengend, jaluk? Empfindest du es etwa als mühselig, Lloth zu Ehren eine neue Opfernische zu bauen?"
"Nelgetha, orthae yorn!"
Es war zu spät. Elvanshalees Stab sauste mit einem zischenden Geräusch durch die Luft, auf den Rücken den Sklaven nieder. Die Schlangenköpfe rissen die Mäuler auf und bissen im selben Moment zu, als der Stab auf die Haut klatschte. Der Mann riss entsetzt die Augen auf, öffnete den Mund, um zu schreien, aber der Schrei erstarb noch in seiner Kehle, als die Yathrin ein zweites Mal zuschlug. Lautlos kippte er zur Seite und verlor das Bewusstsein. Elvanshalee liess ihren Stab zurückschwingen und betrachtete ihn ein wenig erstaunt.
"Ich habe deine Kraft unterschätzt, fürchte ich. Das nächste Mal werden wir weniger hart hauen müssen, wir brauchen die Sklaven noch..."

Vier Kerzenleben später war die Opfernische fertig.
In einer Ecke des Sanktums stand nun ein weiterer, kleinerer Altar aus glänzendem Obsidian, geformt wie der Kopf einer Spinne. In der Mitte war eine achteckige Vertiefung angebracht worden, ringsherum verziert mit den Runen Lloths und wilden Mustern. Neben dem Altar befand sich eine niedere, matt schimmernde Bank, auf der eine Schale aus Ton, eine kleine Kiste mit Kräutern, Wurzeln, Blättern und Steinpulver und ein scharfer Dolch mit einem Griff aus schwarzem Horn lagen. Acht Säulen standen in unregelmässigen Abständen um den Altar herum und bildeten eine Art eigenen kleinen Tempel im Sanktum. An einer Säule lehnte der Stab der Yathrin.
Elvanshalee stand allein in der neuen Opfernische, ihr Blick schweifte prüfend umher, blieb da und dort hängen, wanderte weiter, bis sie schliesslich zufrieden nickte. Nun konnte sie sich daran machen, die Nische zu reinigen. Sie ging zur kleinen Bank, streute ein paar Kräuter und Wurzeln in die Schale und zündete sie an. Mit der Schale in der Hand schritt sie achtmal um den Altar herum, blies den bläulichen Rauch achtmal in die Vertiefung und sprach achtmal die Lobpreisung Lloths. Dann stellte sie die Schale zurück, packte ihren Stab mit beiden Händen und reckte ihn über dem Altar in die Luft.
"Lloth, Heilige Weberin des Grossen Netzes und meines Schicksals, segne diese Opfernische, die deine Yathrin in Demut für dich errichten liess! Lloth tlu malla!"
Nach einem Gebet des Dankes und der Lobpreisung verneigte sich Elvanshalee tief vor dem kleinen Altar und verliess danach, rückwärts schreitend, das Sanktum.

Ein wenig später sah man die Yathrin langsam durch die Höhle wandern und nach dem Rechten sehen.


Sethos hatte die Wirkung des Stabes gesehen, es hatte ihm gefallen, wie die Yathrin den Sklaven fast erschlagen hatte. Elvanshalee wirkte für ihn wie eine Raupe, die endlich zu einem Schmetterling geworden war. Zu einem tödlichen und gefährlichen Schmetterling, der endlich seine Bestimmung gefunden hatte.

Lange schaute er sie aus den Schatten an.

Er war verwundert über die plötzliche Härte.
Er war erregt aufgrund ihres Körpers.
Er erschreckt aufgrund ihrer Macht.

Doch alles faszinierte ihn an der ehemaligen Bardin. Langsam sprach er die Worte der Lobpreisung und merkte wieder einmal, dass sein Drowisch eine Beleidigung für das göttliche Ohr war. Er nahm sich vor, bei der Priesterin um Unterricht zu bitten. Doch als erstes würde er T'risstree töten.


Elvanshalee beendete ihren Rundgang durch den Felsenraum und betrat die kleine Nebenhöhle, in der sie die Beete für die Pilze hatte anlegen lassen. Es machte ihr Spass, das Wachstum der Pilze zu beobachten und hin und wieder, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, die Finger in die kühle Erde zu stecken. Da ausser ihr niemand in der Höhle war, kauerte sie sich hin und fuhr mit der Hand über die Beete.
Die Pilze brauchten keine besondere Pflege, nur Dunkelheit und Feuchtigkeit, darum hatte sie nur einen Sklaven angewiesen einmal pro Tag nach den Beeten zu sehen. Offensichtlich war er bereits hier gewesen, denn die Beete waren frisch geharkt und begossen.
Zufrieden betrachtete Elvanshalee die weissen, braunen und schwarzen Pilzköpfe, die bereits weit aus der Erde ragten. Sie liebte Pilze und schmatzte geniesserisch.


Lautlos folgte Sethos der Priesterin in die kleine Grotte; als er von der Haupthöhle nicht mehr zu sehen war, sagte er leise:
"Priesterin der Lloth ich grüsse Euch."


Die Yathrin hatte einen braunen, saftigen Pilz mit einem Zipfel ihres Gewandes sorgfältig von der Erde gereinigt und wollte ihn sich gerade gierig in den Mund stecken, als hinter ihr Sethos´ leise Stimme erklang. Sie war kein Bisschen überrascht, nur verärgert, dass ausgerechnet er sie beim heimlichen Naschen erwischt hatte. Mit einer anmutigen Bewegung erhob sie sich, stopfte den Pilz in ihren Mund und wandte sich um. Ihre Augen blitzten in der Dunkelheit. Genüsslich kauend musterte Elvanshalee mit unergründlichem Blick Sethos langsam von oben nach unten. Sie schluckte, wischte sich wie eine Katze mit dem Handrücken die Mundwinkel sauber und zupfte das Gewand zurecht.
"Vendui´ Sethos Spinnenhaut, sargtlin del qu´ellar Despana... Ich nehme an, Ihr seid nicht gekommen, um Pilze zu ernten, xas? Sie sind noch nicht ganz reif..."


Obwohl er sie kaum in der Dunkelheit sehen konnte, war er sich sicher, dass Elvanshalee gerade etwas gegessen hatte. Er vernahm nämlich ein leises Schmatzen.

"Nun ich hatte das Glück oder das Pech, nicht hier in der düsteren Welt aufzuwachsen, und so kenne ich und schätze ich die gekochten Speisen. Kalte rohe Pilze gehören nicht zu meinen Leibspeisen, wobei ich von Rheeza gehört habe, dass viele von ihnen anregende Wirkungen haben sollen. Ich wollte euch meine Ehrerbietung als neue Priesterin der Lloth darbringen und mich für den Schutz und die Rettung meines unwichtigen Lebens bedanken."

Sethos wusste nicht so recht, wie er den neuen Stand der Bardin einschätzen sollte. Zu häufig hatte er die Macht der Priesterinnenschaft schon gespürt.*


Obwohl Sethos sich Mühe gab eine stolze und starke Haltung anzunehmen, bemerkte Elvanshalee eine leise Unsicherheit, eine Vorsicht, die er ihr gegenüber bisher noch nie gezeigt hatte.
"Es liegt wohl daran, dass er mich nun als Yathrin vor sich stehen sieht",
dachte sie bei sich und nickte lächelnd.
"Das ist richtig... Gewisse Pilze wecken müde Geister, fördern die Lust und den... mhr... Trieb, andere verursachen Schläfrigkeit... Es gibt unzählige verschiedene Wirkungen, über die Rheeza bestimmt bestens Bescheid weiss."
Sie bückte sich rasch und hob ihren Stab auf, den sie vorhin auf den Boden gelegt hatte, um die Beete zu untersuchen.
"Bedanken wolltet Ihr Euch... Für die Rettung Eures unwichtigen Lebens..."
Mit dem Stab in der Hand schritt sie langsam einmal um Sethos herum und blieb dann dicht vor ihm stehen, so dass er sie sehen konnte. Einen winzigen Moment lang fragte sie sich, ob sie ihm alles erzählen sollte, wischte den Gedanken aber mit einer raschen Handbewegung fort. Mit einer Mischung aus Strenge und Sanftheit fragte sie ihn leise:
"Glaubt Ihr wirklich, sargtlin, dass ich meine Zeit und meine Kraft für ein Leben geben würde, das ich für unwichtig halte? Das wäre ziemlich dumm von mir, meint Ihr nicht?"


Er erschauerte kurz. Ihr Duft, dieses Blumenparfüm, nahm im fast die Sinne. Ihre kalte, nie so gehörte Stimme traf ihn fast wie eine Faust in die Magengrube. Mit zusammengebissenen Zähnen antwortete er:
"Nein, Priesterin, Ihr werdet sicherlich nur Leben retten, das für Euch nützlich ist und welches ihr noch gebrauchen könnt"

Er sprach das Wort 'gebrauchen' in einem merkwürdigen Tonfall aus.

"Habt ihr einen Auftrag für mich oder darf ich mich entfernen."


Ein wenig irritiert musterte Elvanshalee das plötzlich finstere Gesicht vor ihr. Er musste sie missverstanden haben... Sie schaute kurz über seine Schulter hinweg zum Höhleneingang, der sich schräg vor ihr befand. Auch wenn jemand nahe vor der Pilzhöhle stehen würde, hätte er die Yathrin und den Sargtlin nicht sehen können, sie standen zu dicht an der Seitenwand. Und in der Höhle selbst befand sich sonst niemand...
Elvanshalee trat einen Schritt zurück, lehnte ihren Stab an die Felswand und stieg gelassen aus ihrem Priesterinnengewand. Nur noch im langen Unterhemd und Schlüpfern stellte sie sich wieder vor den Krieger – in der Hoffnung, er würde für einen Moment vergessen, wer oder besser: WAS sie jetzt war. Einen Augenblick lang schaute sie ihn ruhig an, atmete tief und sagte dann leise:
"Einen Auftrag, in der Tat. Hör mir gut zu, denn ich werde dies niemals wiederholen..."
Sie näherte sich Sethos, bis ihre Nase seine Nase berührte. Ihre Stimme wurde seltsam rauh, dunkel und hörte sich an wie flüssige Schokolade.
"Man wirft kein Leben fort, das einem noch nützlich ist oder das man noch brauchen kann, das ist richtig, Krieger. Aber davon spreche ich nicht."
Elvanshalee strich mit ihrer Nase über seine Wange und atmete seinen Geruch ein. Flüsternd, die Stimme voller süsser Bitterkeit, fuhr sie fort:
"Ich habe dein Leben geschützt, weil es auch meines ist. Ich habe dein Leben geschützt, weil es für mich den selben Wert besitzt wie meines. Ich habe dein Leben geschützt, weil deine Wunden meine sind, weil deine Schmerzen meine sind, weil dein Tod meiner ist. Ich habe dein Leben geschützt, weil ich es nicht verlieren darf. Und nicht verlieren will. Und Letzteres, denke ich, ist der wichtigste all dieser Gründe."
Sie schwieg eine Weile und blieb einige Atemzüge lang dicht an ihn geschmiegt stehen. Dann wandte sie sich ab, bückte sich, hob ihre Kleider auf und zog sie an. Sie nahm ihren Stab von der Wand und zeichnete damit rund um sich und Sethos herum ein paar Runen in die Erde, leise ein Gebet murmelnd.
"Mächtige Lloth, Heilige Weberin des Netzes und Schicksal Deines Volkes! Schütze die zwei Leben, die eines sind!"


Das Blut aus Sethos' Kopf schoss in die Mitte des Körpers. Sethos wurde für einem Moment schwindelig, er schaffte es nur knapp, gerade stehen zu bleiben. Das, was Elvanshalee nun noch am Körper trug, war nicht Kleidung zu nennen. Ein Hauch von Seide bedeckte ihren nackten Körper und für Sethos war sie unbekleidet.

Sethos hörte ihre Worte, verstand sie aber nur teilweise. Er wusste nicht genau was sie meinte mit "dein Schmerz ist auch meiner". Er wollte einen Schritt auf sie zu machen und sie an sich ziehen, doch die Priesterin kleidete sich in diesem Augenblick wieder an.

Sethos nickte langsam und wiederholte dann die Gebetsformel.
"Mächtige Lloth, Heilige Weberin des Netzes und Schicksal Deines Volkes! Schütze die zwei Leben, die eines sind!"
Er machte eine kurze Pause und betrat dann die kleine Höhle.

 

Sorgfältig deckte Elvanshalee die Runen nach dem Gebet mit schwarzer Erde zu, um den Zauber des winzigen Rituals einzuschliessen. Als sie sich wieder aufrichtete, spürte sie, wie für einen Augenblick errötete, und war froh, dass Sethos in der Dunkelheit nicht sehr gut sehen konnte. Sie bedauerte, dass sie sich wieder hatte ankleiden müssen.
Sie wusste, dass sein Kriegergemüt ihre Worte nur langsam verstehen konnte, wollte ihm Zeit geben und wechselte das Thema.
"Die Spinnengöttin um Schutz zu bitten, ohne ihr etwas darzubringen, ist Frevel und Dummheit",
erklärte sie ihm,
"folge mir, wir werden für Lloth unser Blut fliessen lassen!"
Elvanshalee trat auf Sethos zu, streckte ihm ihre Hand entgegen und schaute ihn auffordernd an.


Langsam legte Sethos seine Hand in die der Priesterin.
"Blut für Lloth. Blut für die Göttin. Bald wird mehr Blut fliessen als je geflossen ist. Wenn wir zurück an der Oberfläche sind, werden wir die Göttin preisen und unzählige Opfer bringen."
Er liess sich von Elvanshalee leiten.


Unbeschwert marschierte Elvanshalee mit Sethos an der Hand aus der Pilzhöhle und steuerte geradewegs auf die kleine Quelle zu, die neben dem Sanktum aus den Felsen entsprang.
"Die Heilige Weberin wird uns kaum erhören, wenn wir mit Erde beschmutzt sind und nach Pilz riechen",
sagte sie und wies mit der Hand auf das winzige Becken, welches das herunterfliessende Wasser im Laufe der Zeit gebildet hatte. Sie kniete sich hin, zog sich das Oberteil des Gewandes über den Kopf und tauchte die Arme ins Wasser. Sorgfältig wusch sie Erde, Staub und Schmutz von Haut und Antlitz.
"Na los, Krieger, du auch! Erfreue Lloth und ihre Yathrin!"
forderte sie Sethos mit blitzenden Augen auf und spritzte ihm Wasser ins Gesicht.


Sethos lächelte unsicher. Obwohl er seine Hände nicht in die feuchte warme Erde gesteckt hatte, legte er seine Waffe ab, entkleidete seinen Oberkörper und begann mit den Waschungen die ihm vor vielen Monden Lil, der Schattendrow, gezeigt hatte. Lil hatte ihn damals in ein paar Rituale eingewiesen, damit Sethos die einfachen Dienste ausführen konnte.
So wusch sich Sethos Hände, Kopf und Oberkörper und betrachtete dabei immer wieder die Priesterin. Bilder der Ritualwaschung vom vergangenen Tag schossen ihm wieder vor das geistige Auge.


Die Yathrin hob überrascht die Brauen als sie das Waschungsritual erkannte, das Sethos an sich vollzog. Es war eine bestimmte Folge bestimmter Bewegungen, die er ausführte, und sie nickte wohlwollend. Sie fragte sich, wer ihm die Waschung wohl gezeigt haben könnte, sagte aber nichts, sondern schaute ihm zu und betrachtete seine sehnigen Arme, den Bauch und den Brustkorb, dessen Haut noch immer weisslich und milchig war und wohl für den Rest von Sethos´ Leben so bleiben würde. Ein paar Gedanken schwirrten durch Elvanshalees Kopf und liessen sie wohlig erschauern, ehe sie sie entschlossen von sich stiess. Jetzt war nicht die richtige Zeit für... solche Dinge.
Schliesslich erhob sie sich, tupfte mit einem Zipfel von Sethos´ Hemd ihre Arme und ihr Gesicht trocken, nahm ihren Stab an sich und sagte zu Sethos:
"Ich werde vorausgehen und die kleine Opfernische vorbereiten."
Während sie auf das Sanktum zuschritt, wurde sie mit jeder Zelle und Faser ihres Körpers, wozu Lloth sie bestimmt hatte: Elvanshalee Noay, Yathrin del qu´ellar Despana.

Sethos zog sich wieder an und folgte dann der Yathrin zur Opfernische.