"Begor... bist du wirklich sicher, dass das hier ne gute Idee ist?"

"Ian...halt..deine..verdammte..Klappe!! Wenn die uns hören ist's ganz sicher aus!"

Ian schluckte trocken und spähte in die Büsche rings um sie.

"Diese verrückte Zauberer hat uns zweitausend Goldstücke für den Kiesel versprochen... denk an die Kohle.. halts Maul und renn wie der Teufel wenn's losgeht, klar?!"

Ein stummes Nicken war Ians einzige Antwort, während sein Blick weiter hektisch den Wald absuchte. Wie stark konnten diese Dinger schon sein? Durkards Vorbereitungen waren sicher vollkommen übertrieben. Hatte es da nicht im Unterholz geknackt? Und dort... hatte sich da nicht gerade ein Schatten bewegt... zwischen den.. Baumkronen?

Ians Augen weiteten sich als der Schatten verdichtete und langsam eine Gestalt formte. Er bemerkte kaum wie seine Kinnlade herabsank, ebenso entging ihm der entgeisterte Gesichtsausdruck Begors, der ebenfalls mit offenem Mund auf die Kreatur vor ihm blickte.
Wie konnte etwas so grosses sich nur so leise bewegen? Dieses... Wesen war mit Sicherheit an die drei Meter hoch und halb so breit. Der Körper schien in eine undurchdringliche Metallrüstung gehüllt... oder war diese Rüstung sogar der Körper? Die beiden geschockten Männer hörten leise Klick- und Summgeräusche von der Gestalt, manchmal sogar ein leises Quietschen. Die Gestalt hielt nicht ganz ein Dutzend Schritt vor ihnen an... die letzten Schritte des Monsters hatten sie sogar durch den Boden spüren können. Sein Gewicht musste unglaublich sein.

Weit über ihnen, im... Kopf dieses Dings, sahen sie zwei kalte, blaue Lichter. Leise knirschend drehte sich der Kopf hin und her. Surrend wurden die Lichter heller, dann wieder dunkler. Die Gestalt wirkte fast als suche sie etwas. Kleine, stachelige Auswüchse die seinen Kopf bedeckten rotierten wild, klickten und summten, nahmen die Umgebung auf unverständliche Weise wahr. Dann hielt sie inne. Der Kopf erstarrte und die Lichter leuchteten plötzlich hell auf. Der Blick war fündig geworden. Im hellen Lichtkegel saßen zwei Gestalten, die sich vergeblich hinter Büschen zu verbergen suchten.
Entsetzt starrten Begor und Ian in das grelle Licht. Sie waren entdeckt! Langsam wandten sie sich einander zu und als sich ihre angsterfüllten Blicke trafen gellte ein zweikehliger Schrei durch die Abenddämmerung.

Dann rannten sie los, rannten als wären Dämonen und Teufel hinter ihnen her, wissend das ihnen der Tod folgte.
Kaum waren die beiden auf den Füssen da setzte sich die schwere Gestallt ebenfalls in Bewegung. War sie vorher, behäbig zwar, aber fast lautlos durch den Wald gewandert, ließ sie nun alle Vorsicht und Heimlichkeit fahren und stürmte rücksichtslos durch den Wald.
Die beiden Männer wagten keinen Blick zurück. Ihr Plan war gewesen die Aufmerksamkeit eines dieser Monster auf sich zu lenken und es dann aus dem Wald zu locken. Nun, die Aufmerksamkeit hatten sie früher als gewollt erhalten und so war aus dem sorgsamen Plan eine wilde Flucht geworden. Dennoch schafften sie es den Wegmarken zu folgen.

Schon seid Tagen hatte die Gruppe vorsichtig diesen Pfad vorbereitet. Sie hatten Hindernisse in den Weg gelegt und schwere Balken quer über dem Pfad angebracht. Ian und Begor hatten, wie alle anderen geschimpft und geflucht. Wozu sollte das alles nötig sein? Wie sollte sie ein Wesen, angeblich groß wie ein Troll, hier verfolgen können?
Jetzt wussten sie wie. Das Wesen stürmte einfach hindurch. Felsbrocken flogen zu beiden Seiten ins Unterholz, von schweren, eisernen Füssen beiseite getreten. Dicke Eichenbohlen und Äste wurden von starken Armen beiseite geschoben oder zerbrachen krachend an der breiten Brust.
Verzweifelt versuchte Ian sich daran zu erinnern, wann er sich ducken und wann zu welcher Seite ausweichen musste. Rechts... wieder rechts... dann ducken, ducken, springen, rechts.. links... eine kurze Steigung, dann einen Sprung über eine kleine Grube, dann der große Baum... der Baum wo war der Ba....... Von seinem, vor Angst gelähmten, Geist daran gehindert sich zu entscheiden blieb sein Körper einen Moment zu lange untätig. Den Baum den er suchte traf er genau in der Mitte.

Halb betäubt taumelte Ian zurück und prallte auf den Boden. Verdutzt schüttelte er den Kopf und setzte sich auf. Blinzelnd stellte er fest das er sich wohl die Nase gebrochen hatte, gegen Bäume zu rennen war noch nie eine gute Idee gewesen, sagte er sich und beschloss es in Zukunft zu lassen. Dann weckte ein interessantes Bild seine Aufmerksamkeit. Vor sich, auf dem breiten Holzstamm sah er den scharf umrissenen Schatten eines Menschen. Er betrachtete den Schatten genauer und stellte fest das dieser, genau wie er selber, den Arm hob und winkte. Ian lächelte und fragte sich wer hier, mitten im Wald, nur eine so helle, blau leuchtende Laterne aufgestellt hatte.
Licht... blaues Licht, dachte er dann mit plötzlicher Klarheit und sein Arm sank herab. Langsam wendete er sich um. Über ihm ragte ein Schatten auf, ein Schatten hinter zwei grellen, blauen Lichtpunkten. Wie kurz vorher bei seinem Schatten sah er nun diesen einen Arm heben und sein Mund öffnete sich um die Welt von seiner unsäglichen Furcht wissen zu lassen. Doch ehe er auch nur einen Ton hervor gebracht hatte traf ihn etwas mit unglaublicher Wucht und seine Welt versankt in ewiger Dunkelheit.

Begor bemerkte von alldem nichts. Nicht einmal, dass ihm der Tod seines besten Freundes die Zeit schenke, die sein eigenes Leben rettete. Er rannte weiter, immer weiter, fort von dem Schrecken hinter sich.
Dann plötzlich stand er im Freien. Geschockt blieb er einen Moment stehen und sah sich um. Rechts und links befand sich nur undurchdringlicher Wald... vor ihm eine schmale, längliche Lichtung, an deren Ende eine Steinwand jeden Gedanken an weitere Flucht sinnlos machte... und hinter ihm... Langsam drehte er sich herum. Aus dem Wald hörte er es Krachen. Holz zerbarst und eine kleinere Baumkrone verschwand zu Seite. Mit vor Furcht und Erschöpfung zitternden Beinen wich er zurück. Schritt um Schritt, bis er kalten Fels an seinem Rücken spürte.
Hecktisch blickte er sich noch einmal um, suchte einen Ausweg, irgendeinen. Doch in diesem Moment betrat der Schrecken die Lichtung. Sein Schwung trug ihn bis fast zur Mitte der freien Fläche. Hier hielt er wieder inne. Die hellen Lichtkegel waren fest auf Begor gerichtet und die stummeligen Auswüchse am Körper des Wesens erwachten wieder zu hektischer Betriebsamkeit. Begor sank auf die Knie. Sein Weg war zuende, das erkannte er.

Nach einigen endlosen Augenblicken setzte sich das Monster wieder in Bewegung. Fast lässig, näherte es sich mit festem Schritt der zusammengekauerten Gestalt des Menschen. Dann hob es langsam beide Arme, die Hände zu Fäusten geballt um der nichtigen Kreatur endlich ein Ende zu bereiten, als es plötzlich zu beiden Seiten im Wald knackte und knirschte.
Die Bewegung stoppte abrupt und die Lichtkegel hoben sich Richtung des Waldes, doch bevor es die neue Situation erfassen konnte lößten sich lange Schatten aus dem Wald.
Es waren Bäume. Grosse, kleine, dicke und dünne... allesamt in tagelanger Arbeit fast gefällt und mit Seilen stabilisiert. Und alle fielen sie in Richtung der Lichtung.

Schon der erste war ein Volltreffer, doch der kaum ein Dutzend Zoll durchmessende Stamm zerbrach krachend an der Schulter der Kreatur. Doch der zweite war eine Eiche von fast zwei Menschenleben Alter. Der Stamm war hart und schwer, und traf mitten auf die Brust des Wesen. Einen Moment schien es so als würde sie auch diese Gewalt widerstehen, doch dann endlich fiel sie und Baum um Baum stürzte oben auf und begrub den Körper.
Erst als es wieder ganz still war öffnete Begor die Augen. Langsam sah er sich um, irgendwie verwundert doch noch zu leben. Neben ihm traten die anderen der Gruppe aus dem Wald, angeführt von den beiden Zwergen Durkard und Gendorn. Zunächst näherten sie sich vorsichtig dem Holzhaufen, doch schnell wurden sie sicherer, mutiger. Erst leise, dann immer lauter Jubelten sie.
"Yyiihhaaaaa tttiiimmmbbeeerrrrrrrrr ... Wir haben das Bist erledigt! - Der rührt sich nimmer! - Ha, leicht verdientes Geld!" riefen sie.
Begor hingegen musterte stumm die anderen, denn sein Blick suchte einen vergeblich. Sein Freund Ian, war nirgends zu sehen. Langsam, noch immer etwas wacklig, erhob er sich. Er nickte Durkard zu und dieser erwiderte, kurz ernst geworden, seinen Blick und nickte ebenfalls. Das Rufen und den Sieg hinter sich lassend wand er sich ab und ging langsam den Weg in den Wald, den er gekommen war.

Es dauerte eine Weile, bis er an die Stelle kam, die er suchte. Was er fand ließ ihn würgen und er übergab sich. Schließlich aber fand er unter Tränen die Kraft sich wieder um zu wenden. Vor dem großen Baum lag sein Freund Ian. Zumindest seine Beine und sein Unterleib. Den zerquetschten Rest fand er nach langem Suchen gut zwanzig Schritt entfernt. Hätte er nicht gewusst, dass Ian der einzige hier, außer ihm selber gewesen war, er hätte seinen Freund nicht erkannt. Still hob er ein flaches Grab aus und bettete den Körper hinein. Er dachte an all die Jahre die sie sich gekannt hatten, all die kleinen Schurkereien, die sie am Leben gehalten hatten. Aber er dachte auch an die Belohnung, wegen der sie heute hier gewesen waren. Er würde ganz sicher den ein oder anderen Humpen auf Ian heben, Ian der sein Freund gewesen war.
Erst über eine Stunde später erreichte er wieder die Lichtung. Scheinbar gerade rechtzeitig. Die anderen hatten die Waffen zur Seite gestellt und die Rüstungen teilweise abgelegt und waren damit beschäftigt ihre Beute frei zu legen. Schon gut die Hälfte der Stämme waren zur Seite geschafft worden.

Angar, einer der Söldner aus der Gegend von Trinsic, stand in der Mitte des Haufens und spähte hinein. Dann richtete er sich auf und rief: "Dunkard, ich kanns sehn! Liegt hier, ich kann fast ranreichen.... nich mehr lang und wir hams draußen!" Sein Blick senkte sich wieder und er schaute wieder skeptisch zwischen die Stämme. Plötzlich stutze er und sah genauer hin. "Ach du Sch......." Seine Stimme brach ab, als ein Arm, fast so lang wie der Krieger selber, aus dem Holz hervorbrach und ihn durchbohrte.
Alle starrten geschockt zu dem zuckenden Söldner, der mit einer wuchtigen Bewegung von dem Arm fortgeschleudert wurde und ins Unterholz flog. Dann brach das Chaos aus.

Durkard und Gendorn schnappten sich ihre Äxte. Auch die anderen hasteten zu ihren Waffen. Einige der Stämme hoben sich an und eine metallene Gestallt wurde wieder sichtbar. Schreiend stürzte sich einer der andern Krieger auf den Gegner. Die beiden Zwerge rannten los um den Feind zu erreichen. Der blutige Arm schoss erneut vor und schlug im ausholen einem Krieger den behelmten Kopf von den Schultern um dann mit einem mächtigen Schlag einen anderen, mit zerschmettertem Brustkorb, in den Wald zu schleudern. Gendorn hob seine Axt und schlug zu. Durkard warf sich zur Seite um einem der Stämme aus zu weichen.

Von Entsetzen gepackt sprang Begor zum Waldrand und hechtete hinter einen Baumstumpf. Zusammengekauert und zitternd blieb er hier hocken. Trotz der, gegen die Ohren gepressten Hände, hörte er die Schreie, die Klingen die auf Stahl schlugen. Es war ihm unmöglich zu sagen, wie lange er dort gehockt hatte. Jedes Klirren, Splittern und jeder Schrei ließen ihn zusammenzucken.
Dann wurde es still.

Er wartete noch einige, endlos scheinende Momente, und spähte schließlich vorsichtig um den Baumstumpf herum auf die Lichtung. Der Anblick, das sich ihm bot, war ein Bild des Grauens. Neben dem Haufen aus Baumstämmen lag der zertrümmerte Körper des Monsters. Endlich schien es still und reglos. Doch ebenso reglos waren die Körper um es herum.
Langsam, wie in Trance erhob Begor sich und trat auf die Lichtung.

Von Körper zu Körper taumelte er. Suchte nach Anzeichen für Leben. Doch sie waren alle tot. Ihre Körper zerquetscht, gebrochen, zermalmt. Je länger Begor zwischen seinen ehemaligen Gefährten umherwankte, umso klarer formte sich ein Gedanke in seinem Kopf. Er hatte überlebt. Er war der einzige der überlebt hatte. Er, die feige Straßenratte, hatte geschafft was all diesen starken Kriegern nicht gelungen war.
Selbst Durkard, der große, unüberwindbare Axtkämpfer war gefallen. Seine Axt steckte tief in der Brust des Monsters, hatte sie weit aufgerissen, und doch hatte es ihn mit in den Tod genommen.
Über sein unglaubliches Glück lachend stand Begor über dem toten Monster. Er hatte überlebt und... und das hieß... der Preis gehörte ihm! Er lachte nun tatsächlich laut auf.

Leise Kichernd ließ er sich auf die Knie nieder, direkt neben der geöffneten Brust des Monsters. Er musste es nur finden. Irgendwo hier musste es sein. Zögernd ergriff er die Zwergenaxt und zog an ihr. Nicht ohne Mühe entfernte er sie schließlich und warf sie zur Seite. Aus dem Spalt im Metall der Brust drang ein wenig Rauch und eine blaue Flüssigkeit tropfte ins Gras. Verwundert sah Begor den Tropfen nach, die das Gras, kaum das sie auf es gefallen waren, zischend und schäumend aufzulösen begannen. Noch während er dieses Schauspiel betrachtet viel ihm ein dunkel violettes Leuchten auf, das seinen Ursprung irgendwo unter dem Körper des Vieches hatte. So ein Leuchten, auf das hatten sie achten sollen. Er bückte sich und tastete im Gras. Er musste nur kurz suchen, dann erfasste seine Hand einen harten, warmen Gegenstand. Er zog ihn unter dem Körper hervor und musste lächeln.
In seiner Handfläche ruhte ein Kinderfaust großer Kristall. Das war es, genau das hatte der Magier gesucht. Begor stand auf und hielt ihn gegen den Himmel.
"Zweitausend Goldstücke....Zweitausend......" lachte er.

"Xas, ein guterr Prreis."

Die leise, raue Stimme hinter ihm ließ ihn herumschnellen. Dort stand ein Mann. Einen halben Kopf kleiner als Begor selber. Die Haut des Fremden war tiefschwarz und ließ die schlohweißen Haare noch heller erscheinen. Was Begor jedoch einfach nur erstarren ließ waren die Augen des Fremden. Dunkelrot glühten sie. Wie zwei Kohlebecken, voll lebendigem Feuer. Doch trotz ihres Loderns strahlten sie eine kalte Härte aus und sie verhießen nichts anderes als die blauen Lichter. Noch während Begor versuchte sich zu fassen sprach der Fremde erneut.

"Nur schade das du sie nie errhalten oder ausgeben wirrst rivvil!"

Der Arm des Fremden hob sich in einer schnellen, fließenden Bewegung und Begor spürte einen kurzen Stich in der Brust. Er sah nach unten und entdeckte das ein Dolch in seiner Brust steckte. Verwundert blickte er auf den Strom Blut der, an dünnen Einkerbungen in der Klinge des Dolches entlang, aus seinem Körper floss. Sein Arm mit dem Kristall sank immer tiefer und obwohl er sich mit aller Kraft an ihm festkrallte musste er zusehen wie er der kraftlos werdenden Hand entglitt und in die des Fremden fiel.

"Bal'ha rivvil. Aluve' " flüsterte der Fremde fast und war im nächsten Moment in Dunkel des Waldes verschwunden.

Einen Moment stand Begor schwankend da und sah zu der Stelle, an welcher der Fremde verschwunden war. Noch immer versuchte er zu begreifen was gerade geschehen war.
"Ab..aber ich.. hab doch.... üb...." meinte er leise zu sich selber und stürzte nach vorne ins Gras.