Tief unten in den Gebeinen der Feste Despana kauerte Moya, die alte Heilerin, über ein paar alten Kleidungsstücken, die es zu flicken galt. Um sie herum hockten auf dem Boden die jüngeren Sklavenmädchen. Viele unter ihnen waren abgemagert und schwach, hatten Peitschenstriemen auf dem Rücken und blinzelten ängstlich in die völlige Dunkelheit. Diejenigen unter ihnen, die menschlich waren, würden bald sterben, denn im Unterreich waren sie, blind wie sie waren, nicht von Nutzen. Die übrigen waren aber kaum besser dran: Hoffnungslosigkeit, Angst, Hunger, Durst, Schmerzen und Einsamkeit inmitten so vieler anderer Einsamer zerrten an ihren Nerven.
Moya blickte über die kleine Schar und schüttelte den Kopf. Keine von den Mädchen würde länger leben als ein paar Wochen, vielleicht Monate.
Aber das alles war nicht Moyas Sorge. Sie machte sich andere Gedanken: Gedanken um die junge Bardin, um Elvanshalee Noay d´Myr. Vieles an ihr war seltsam, ihre Musik, ihr Verhalten, dann immer wieder die seltsamen Verletzungen, die sie aufwies und so vieles mehr... .
Moya seufzte. Sie machte sich zu viele Gedanken und Elvanshalee vermutlich ebenso. Ständig schien sie zu grübeln und abzuwägen in alle Richtungen ohne Unterlass. Der alten Heilerin kam eine Geschichte in den Sinn, die sie irgendwo einmal gehört hatte in ihrer Zeit an der Oberfläche. Sie räusperte sich und einige der Sklavenmädchen schraken auf.


"Es war einmal...", begann sie mit vom Alter schon immer ein wenig heiserer Stimme, "es war einmal eine Stadt. Die Stadt war gebaut aus grauem Stein, der nicht kaputtbrach. Herrlichste Gebäude waren aus diesem Stein erbaut, Paläste und Villen, Türme und filigrane Brücken. Die Bewohner der Stadt bauten eine gewaltige Mauer um ihre Stadt, um sie zu schützen. Die Mauer wurde so hoch, dass niemand sie überwinden konnte und sie hatte kein Tor, um hindurchzugehen. Die Menschen in der Stadt konnten nicht hinaus und waren sicher hinter der Mauer und die Regierung der Stadt sorgte dafür, dass niemand die Mauer überqueren durfte.

Mit der Zeit aber wurden die Menschen unglücklich in ihrer schönen Stadt. Sie wollten hinausgehen und die Welt sehen und nicht nur die graue Mauer, die nie zerbrechen würde. Die Regierung der Stadt verstand das nicht: die Stadt war doch schön und sicher. Aber die Menschen waren unglücklich, also beschloss die Regierung der Stadt, dass jeder Bewohner einmal im Leben die Chance haben sollte, aus der Stadt zu entkommen.
Von da an wuchs jedem Bewohner der Stadt einmal im Leben und nur für einen Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ein Paar Flügel, so stark und leicht, dass sie ihn über die Mauer tragen konnten.

Es gab einen Jungen in der Stadt, der sehnte sich nach der Freiheit und er wollte auch die Prüfung bestehen, so dass er mit seinen Flügeln hoch über der Stadt kreisen konnte und alle Bewohner der Stadt, die die Prüfung nicht geschafft hatten, sehen konnten, dass er es geschafft hatte. Er wusste genau, dass die Prüfung eine schwere war und dass die Regierung der Stadt nur jenen erlaubte, hinauszufliegen, die sie bestanden. Er überlegte lange, worin denn seine Prüfung wohl einst bestehen würde, denn er wollte so gern aus der Stadt fliegen. Er grübelte und grübelte und seine Nachbarn lachten schon über ihn, weil er nur dasaß und nachdachte.

Aber eines Tages lachten sie nicht mehr, denn eines Tages waren ihm auf einmal Flügel gewachsen. Er stand von seinem Bett auf und strich über die schneeweissen starken Flügel und lächelte. Er würde also bald von der Regierung gerufen werden und er war sich sicher, dass er die Prüfung bestehen würde, denn er hatte lange lange darüber nachgedacht. Sie würden nicht sein Können oder seine Schläue prüfen und auch nicht, wie stark er war oder wie schnell. Das alles war keine Prüfung, die man für alle Bürger machen konnte, denn alle Bürger waren anders. Also würden sie sein Herz prüfen wollen und sein Gewissen, so hatte er sich überlegt. Nur die, die gut und rein dachten und handelten, waren würdig, sich mit Flügeln über die anderen in der Stadt zu erheben und hinauszufliegen in die Freiheit.

Ihm gefiel wohl, wie die anderen Bürger ihn und seine Flügel neidisch betrachteten, aber er wusste, dass er gut und rein handeln musste und deswegen versuchte er, nicht stolz zu sein.
Er ging aus dem Haus und sprach freundlich zu jedem, der ihn ansprach und ihm Glück wünschte für die Prüfung.
Eine alte Frau kam aus dem Haus und gab ihm einen Beutel Blumensamen. ´Nimm das bitte mit´, sagte sie zu ihm, ´ich habe meine Prüfung nicht geschafft, aber wenn du sie schaffst, dann streue draußen meine Blumen aus, so dass zumindest ein Teil von mir draußen sein kann.´
Der Junge nickte ernst und nahm die Blumensamen an. Es war eine gute Tat, die Blumensamen mitzunehmen. Sicher würde das der Regierung schon zeigen, dass er aus der Stadt fliegen durfte.

So ging er weiter durch die Straßen und wartete sehnsüchtig darauf, dass sie ihn zu der Prüfung holten. Immer wieder sprachen ihn Leute an und viele gaben ihm auch kleine Geschenke oder Dinge wie die Blumensamen, die er mitnehmen sollte. Er nickte ihnen allen zu, denn er wollte es der Regierung recht machen und gut und rein handeln und er wollte auch, dass die anderen Bürger ihn gern hatten und ihm gern gönnten, dass er aus der Stadt flog.
Langsam war es schon mittag und der Junge war müde geworden vom Laufen und Warten. Aber er ruhte sich nicht aus, denn es gab sicher Bürger, die das nicht gern sahen, wenn er sich einfach so faul ausruhte, obwohl er bald seine Prüfung hatte und ernst und würdevoll sein sollte. So setzte er sich nicht sondern trug all die Gaben und Geschenke der Bürger mit und ging ernst und würdevoll und rein und gut durch die Straßen und sprach auch zu jedem freundlich.
Sein Weg führte ihn schließlich zum Rathaus der Stadt, wo die Regierung tagte. Er wollte schon losgehen und an der Tür des Hauses anklopfen, aber dann dachte er sich, dass die Regierung ihn dann für voreilig und übereifrig halten könnte und vielleicht sogar für ungeduldig. Mit all diesen Eigenschaften war man sicher nicht mehr rein und gut genug, um über die Stadtmauer hinwegzufliegen, also wartete er.

Die Menschen auf dem Markt vor dem Rathaus bestaunten seine Flügel und wieder kamen viele zu ihm und sprachen mit ihm. Sie gaben ihm ihren Segen auf ihrer Reise und er freute sich, dass sich alle mit ihm freuten. Viele gaben ihm neue Geschenke und seine Arme wurden langsam schwer von den vielen Gaben. Seine Füße taten ihm weh, denn er wollte sich nicht ausruhen.
Es war schon später Nachmittag, aber noch immer kam niemand, um ihn zu seiner Prüfung zu holen. Er blickte auf all die Gaben in seinen Händen und seine wunden Fuße und da dachte er, dass eben genau dies seine Prüfung sei! Er sollte beweisen, dass er geduldig, würdevoll, ernst, rein und gut war und dann durfte er fortfliegen.
Mit einem Lächeln im Gesicht nickte er, denn diese Prüfung hatte er bestanden. Mit all den Gaben in den Armen ging er langsam, weil seine Füße wehtaten, zum großen Turm der Stadt, von dem aus die Bürger, die die Prüfung bestanden, über die Mauer hinwegflogen. Stufe um Stufe schleppte er sich hinauf, mit all den Gaben und Geschenken. Er würde sie nicht einfach weglegen, denn damit würde er nur die Bitten der anderen Bürger in den Wind schlagen und Hochmut und Stolz zeigen. Er aber wollte demütig, geduldig, edelmütig, gut und rein sein und so ging er mühsam, Stufe um Stufe empor. Die Sonne war schon kurz davor, den Horizont zum Abend zu berühren, als er endlich an der Spitze angekommen war. Er hatte es geschafft!

Weit breitete er seine schönen, schneeweißen und starken Flügel aus, um mit ihnen fortzufliegen. Heftig schlug er mit den Schwingen, aber es gelang ihm nicht, sich auch nur eine Handbreit vom Stein des Turmes zu heben. Zu schwer wogen die Gewichte an seinen Armen und zu müde waren seine Beine und sein Körper und zu schwer sein Kopf vom vielen nachdenken.
Die Sonne berührte den Horizont und in einer weissen Wolke aus weichen Federn zerfielen seine Flügel im letzten Licht des Tages.
´Das´, sagte die Regierung der Stadt zu ihm, ´war deine Prüfung, Junge. Die Schwere deiner Gedanken und deiner Taten war zu schwer und sie ließ nicht zu, dass die Flügel dein Gewicht über die Mauer tragen.´"

Moya, die alte Heilerin, lehnte sich etwas zurück und lies ihr Flickzeug sinken. Eine seltsame Geschichte, dachte sie. Warum nur erinnerte sie sie ausgerechnet an Elvanshalee? Mürrisch schüttelte sie schließlich den Kopf. Sie hatte viel zu viel zu tun, um in solchen Grübeleien zu versinken