Elfentanz

Sonnenstrahlen tanzten wie verspielte Kinder auf dem dichten, grünen Moos, das sich wie ein weicher Teppich über die mächtigen Wurzeln der Bäume ausbreitete. Im dunklen Grün hatte sich hier und da Tau gesammelt und immer, wenn ein Sonnenstrahl einen der dicken Tautropfen traf, funkelte es als lägen magische Steine dort im Moos verborgen. Weiter von den dicken, knorrigen Baumstämmen entfernt lichtete sich der dichte, dunkle Teppich und feine, hellgrüne Grasspitzen suchten ihren Weg hindurch, dann ganze Grasbüschel, junge Sprösslinge neuer Bäume, Farne, die Ranken von Brombeerstrauch und wilder Haselnuss. Von den Früchten und Nüssen war um diese Jahreszeit noch nichts reif: es war früher Sommer und alles war noch grün und frisch. In einigen Monaten aber würden die Sträucher vollgehängt sein mit prallen, süßen Beeren und die grünen Äste des Haselstrauchs würden schwer sein unter ihrer Last.
Ein leichter Wind ließ die Bäume sich sanft wiegen und wirbelte durch die Blätter, so dass der Tanz der Sonnenstrahlen auf dem Waldboden zu einem neuen, ausgelassenen Höhepunkt fand. Kurz wurde das Singen der Vögel vom Wind in den Blättern übertönt, dann schwoll es selbst zu einer neuen Lautstärke an, als wollten die vielen kleinen Sänger im Geäst der Bäume gegen den Wind selbst ansingen. Das Zwitschern eines Buchfinken wurde durch den schnarrenden Ruf eines Eichelhähers jäh unterbrochen. Kurz herrschte angespannte Stille im Vogelkonzert, dann setzte, zuerst noch zaghaft, der Sang eines Zaunkönigs ein, der munter in den grünen Brombeerranken turnte.
Der Tag versprach, warm und sonnig zu werden. Vereinzelt trieben dünne, weiße Wölkchen über den blauen Himmel, wurden aber vom Wind schnell vorübergetrieben. Ilvas saß im Geäst einer ausladenden Kastanie und dachte an nichts bestimmtes. Der Tag war zu schön, um ihn mit Konzentration und Disziplin zu vergeuden. Der Elf schwang ein Bein über den Ast, so dass er nun rittlings darauf saß und lehnte sich an den dicken, Schutz versprechenden Stamm des Baumes. Mit der Kleidung aus feingegerbtem, braungrünem Leder war er in der Baumkrone fast nicht auszumachen, wenn man nicht genau wusste, wo er saß. Von hier aus hatte er Ausblick auf den kleinen Bach, der sich von den Wiesen und Auen her durch den Wald wand. An seinem Ufer standen Erlen und Birken. Es gab kaum ein schöneres, zarteres Grün als das von Birkenblättern im Frühling. Jetzt, kurz vor dem Sommer, hatten sie etwas mehr an Farbe gewonnen und die sich sanft im Wind wiegenden Blätter standen in leuchtendem Kontrast zu dem milchigen Weiß der schlanken Stämme. Ilvas schloss die Augen und lauschte. Die Vögel hatten den Eichelhäher scheinbar vergessen, denn einer sang lauter als der andere. Über dem Vogelkonzert lagerte das Rauschen der Blätter im Wind. Tiefer und geheimnisvoller klang, wenn man genau hinhörte, das Gurgeln und Murmeln des kleinen Baches, dessen Wasser sich seinen Weg zwischen den schwarzen Wurzeln der Erlen, über glattgeschliffene Kieselsteine und durch dünnes Schilfgras hindurch suchte. Der Elf hörte all diese Nuancen und musste unwillkürlich lächeln. Ilvas Luchsohr war der Name, den er erst vor kurzem erhalten hatte, als er die Schwelle zum Erwachsensein überschritten hatte. Den Namen trug er zurecht. Er konnte inmitten der Geräusche des Waldes den leichten Huftritt eines Rehs heraushören oder aber das entfernte Lachen der Elfen aus der Sippe. Von flussabwärts her erklang es gerade, gemischt in leises Flötenspiel. Er kannte den Klang dieser Flöte. Seine Schwester, Ilvara, kaum zwei oder drei Sommer später geboren als er, konnte spielen, dass selbst ihm, der jede noch so kleine Unebenheit in den Tönen hören konnte, das Herz schwer werden oder vor Freude und Ausgelassenheit überquellen konnte. Sie hatte zusammen mit ihm ihren Namen erhalten. Die wenigen Jahre, die sie trennten, machten nicht viel aus, denn als Geschwister waren sie doch immer unzertrennlich gewesen. Sänger und Lauscher, Windsang und Luchsohr. Die Elfen flussabwärts schienen den Tag ebenso zu genießen wie er. Im Gegensatz zu ihm aber begnügten sie sich nicht mit Zuhören sondern zu dem weichen Klang der Flöte gesellten sich nach und nach weitere Stimmen: die tiefe, schon beinahe raue Stimme von Jemeerla Wolfspfote, die im letzten Winter in bitterster Kälte und tiefster Nacht zwei Kinder zur Welt gebracht hatte, Zwillinge, die einander ähnelten wie ein Ei dem anderen, dann die volltönende Stimme Eisvogel. Wenn man den schmalen Elfen mit den braunen Augen und dunkelblonden Haaren sah, traute man ihm die Melodie dieser Stimme kaum zu. Aber Eisvogel war weit mehr, als man bei seinem unscheinbaren Aussehen vermuten mochte. Er war der geschickteste Fischer am ganzen Fluss. Mit einem einfachen Holzspeer konnte er in Zeiten, in denen das Wild knapp war, die ganze Sippe ernähren mit Forelle und Lachs, manchmal sogar Barsch und Hecht. Ilvas auf seinem hohen Spähposten musste Lächeln. Früher hatte er geglaubt, dass das Fangen von Fischen kein hohes Ziel der Jagd sei. Er hatte seinen Vater, Matras Dornvogel, der mit dem Bogen so zielsicher war, dass er selbst einen Hasen im Lauf treffen konnte, stets für sein Geschick bewundert. Als aber dann einmal die Jahre der Dürre und Knappheit kamen und die Nahrung im Wald für die Pflanzen, dann für die Tiere und auch die Elfensippe knapp wurde, waren es die Fischer gewesen, die alle gerettet hatten. Aus den kleinen versteckten Waldseen und den Fluss- und Bachläufen, die nicht versiegt waren, hatten sie die Sippe ernährt. Mit den Resten an Beeren und Wurzeln war alles gestreckt worden und so hatten sie auch diese Jahre überstanden. Seitdem dachte Ilvas nicht daran, irgendein Mitglied der Sippe für sein Können und Handwerk geringer zu achten als ein anderes. Sie alle waren wichtig in dem, was sie taten. Zudem war Ilvas nicht entgangen, dass seine Schwester auf den so unscheinbaren Eisvogel ein Auge geworfen hatte. Er schien unter ihren freundlichen Worten und im Klang ihres Gesanges oder dem ihrer Weidenflöte aufzublühen wie eine Frühlingsblume im ersten Sonnenlicht. Manchmal stach Ilvas ganz sacht der Stachel der Eifersucht. Früher einmal war es so gewesen, dass seine Schwester ganz allein für ihn gespielt oder gesungen hatte. Es hatte Lieder gegeben, die niemand sonst mit ihnen geteilt hatte. Jetzt aber hatten sie einen dritten Zuhörer bekommen und sogar einen, der den Liedern nicht nur lauschte, sondern der sie auch tief im Herzen zu verstehen schien und seine Stimme zu der ihren gesellen konnte.
Ilvas seufzte. Es gab keinen Grund für dieses Gefühl. Er wusste genau um die Liebe und tiefe Freundschaft, die ihm seine Schwester entgegenbrachte. Niemand und nichts würde das schmälern können. Liebe war nichts, das aufgeteilt werden musste. Es gab unendlich viel davon und je weiter man sein Herz öffnete, desto mehr konnte man davon geben und selbst empfangen.
Der Elf legte sein linkes Baum lang auf den dicken Ast, auf dem er saß und lauschte versonnen. Der Wind spielte in seinen Haaren und in den Blättern der Bäume. Die Musik des Waldes mischte sich mit der der Elfen und er liebte den Klang wie kaum etwas anderes.

Im Stall herrschte völlige, wohltuende Finsternis. Es gab nicht eine Ritze oder Spalte, durch die das kalte, stechend grelle Tageslicht hereindringen konnte. Die Leiber der Rothe, die sich hier ängstlich aneinander drängten, erzeugten eine feuchte Wärme, die erdrückend und schwer auf allem in der Dunkelheit lag. Der Gestank nach dem Schweiß und Dung der Tiere lag in der Luft und machte das Atmen schwer. Ein wenig getrennt von ihnen waren die Echsen untergebracht, die Ursache für die ständige Angst der Rothe. Das unterdrückte, dumpfe Blöken der Tiere entfachte in den Boxenreihen der Reitechsen immer wieder aufs neue ein hungriges Zischen, eine Antwort wie ein böses Versprechen.
Einer der Stallburschen öffnete die schwere Holztür, die nach draußen auf den Innenhof der schwarzen Feste führte, einen Spaltbreit und schlüpfte hinein. Er war Drow, noch jung und in seinem Handwerk ungeübt. Die Pflege der Echsen verlangte Hingabe und Geduld und beides fehlte ihm noch sehr. Das plötzlich einfallende helle Tageslicht versetzte die Tiere in brodelnde Unruhe. Klauenbewehrte Füße traten gegen die Gitter und Holzbalken und das Zischen aus den Boxen klang nun beinahe selbst ängstlich. Die Tiere hier waren noch jung und das Licht nicht gewohnt. Die älteren, weiter hinten, hatten weniger Licht abbekommen und kannten sein grelles Strahlen auch schon. Der junge Drow huschte hastig an den Reihen der Jungtiere und Weibchen vorbei. Er konnte nur hoffen, dass sein Meister dieses Missgeschick nicht bemerken würde. Gleich nachher würde er die Boxen kontrollieren und sehen, ob etwas zerbrochen war oder sich eine Halterung gelockert hatte. Wenn eines der Tiere ausbrach, waren die Rothe nichts weiter als Futter, und wenn je herauskam, dass er dafür verantwortlich war, war er selbst kaum mehr als das. Er hatte einmal die Reste eines Stallburschen gesehen, der von den Echsen zerrissen worden war. Er war unachtsam gewesen, hatte die Halterungsseile für die gereizten Weibchen nicht fest genug gezogen, so dass die Tiere in der Nacht übereinander hergefallen waren. Die Männchen waren die Reittiere, die Weibchen aber waren aggressiv und um vieles stärker. Wenn man sie so nahe beieinander hielt, in der Enge und Bewegungslosigkeit, wurden sie tödlich. Der Meister war bald darauf eines Morgens ebenso unachtsam gewesen wie sein junger Schüler und hatte ihn zusammen mit den Echsen eingeschlossen. Allein... . Von dem eingeschlossenen Drow war nicht viel geblieben: Zertretene, gebrochene, zersplitterte Knochen. Nicht eine Faser Fleisch war mehr an ihnen gewesen.
Der junge Stallbursche erschauert bei dem Gedanken an den Anblick. Trotz der Wärme in den Ställen musste er frösteln. Die gelbäugigen, kalten Blicke der Echsen, die er schon beinahe greifbar auf sich ruhen fühlte, trieben ihn schneller voran. Die kurze Strecke kam ihm plötzlich vor wie ein Spießrutenlauf.
Endlich hielt er erleichtert am Ende des Ganges inne und verschwand in der Sattelkammer. Die Kammer war eng und die Wände vollbehängt mit Sätteln und Zaumzeug für die einzelnen Männchen. Es roch nach Leder und Lederfett und ein wenig nach modrigem Holzpilz. Der Geruch hatte etwas beinahe tröstliches, Sicherheit Versprechendes an sich. Wenn man jedoch wusste, wie dünn die Wand war, die ihn von den gereizten Tieren trennte, wusste man, wie trügerisch diese Sicherheit war. Ein einziges Tier, mit genügend Angst oder Hass im Leib mochte ausreichen... .
Von der Kammer aus öffnete sich die breite Tür zu den Boxen der älteren Echsen, zahme Männchen, die zum Reiten abgerichtet waren. Wahllos griff er nach zweien der Sättel und dem dazugehörigen Zaum und lud sich alles auf die Schulter. Die Namen, die in die Sattelhalterungen eingeschnitzt waren, kannte er. Die Tiere waren zuverlässig und schnell, genau richtig.
Die Arbeit ging ihm jetzt, wo er in die gewohnte Routine zurückfand, leicht von der Hand. Die Echsen waren recht pflegeleicht. Man musste sich ein wenig um die schuppige Haut kümmern, die Klauenfüße mussten gereinigt und ab und an eine der Krallen gerichtet oder geschnitten werden. Nach den beiden, die er zuerst ausgesucht hatte, sattelte er noch zwei weitere und führte sie schließlich alle auf den Hof. Die Tiere tänzelten zuerst nervös im Sonnenlicht, aber sie waren schon zu oft draußen unter der Sonne gewesen, um noch panisch oder aggressiv zu reagieren wie Jungtiere oder die Weibchen.
Das Sonnenlicht ließ ihn selbst auch blinzeln. Trotz der langen Tage und Wochen, die er schon im Dienste des Hauses in diesem Posten an der Oberfläche gestanden hatte, hatte er sich doch nicht an das helle Licht gewöhnen können. Wenn er den Berichten der älteren Diener und Stallburschen trauen durfte, würde es auch noch einen oder sogar mehr Zyklen dauern, bis sich seine Augen schneller und schmerzlos an das plötzliche, grelle Licht gewöhnen konnten.
Er schirmte seine Augen mit einer Hand ab, während er die andere auf den Balken legte, um den die Zügel der Tiere geschlungen waren. Normalerweise wurde er schon erwartet von ungeduldigen Reitern, die auf ihre Tiere warteten. Er war froh, dass ihn diesmal keine Strafe für Langsamkeit erwartete.
Das leise Klirren von Metall auf Leder ließ ihn herumfahren. Da standen sie. Vier Krieger des Hauses, in Rüstungen aus gehärtetem, dunklen Leder, in dem metallene Nieten mattschwarz schimmerten. In das Leder waren Runen geätzt, die Schutz versprachen oder schlicht deutlich machten, wie kostbar die Rüstungen waren. Jede einzelne war maßgeschneidert und die Hausrune prangte auf Rücken und Brust auf dem feinen Leder. Drei Krieger und eine Kriegerin als Anführer, allein der Gedanke ließ ihn ehrfürchtig den Blick senken. Es gab kaum etwas ehrenvolleres, als in den Diensten eines Adelshauses zu kämpfen und zu sterben. Er wünschte sich nichts sehnlicher und doch wusste er, wie hoffnungslos sein Sehnen war. Diese Krieger aber, wie stolz mussten sie sein? Er wusste, wie tödlich sie waren. Es bedurfte nicht des Anblicks der schwarzen, schlanken Klingen, die sie trugen. Er hatte gesehen, wie atemlos schnell und rücksichtslos sie töten konnten, selbst in Übungen und gerade bei den Kämpfen, denen die Feste von Zeit zu Zeit ausgesetzt gewesen war. Herrliche, tödliche, wunderschöne Grausamkeit – er bewunderte sie grenzenlos. Er kam nicht umhin doch wieder seinen Blick zu heben... und erstarrte.
Das hier waren nicht die einfachen Krieger, die er sonst mit Reittieren versorgte. Die Hausrune auf ihren Rüstungen wurde überlagert von einer weiteren, dunkleren: die persönliche Rune der Ilharess selbst, der Herrin des Hauses, Herrin über alles, was hier lebte und auch über den Tod von allem hier.
Die vier beachteten ihn nicht weiter. Einer nach dem anderen stiegen sie auf ihre Reittiere. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, beinahe lautlos, als wären Geräusche etwas für plumpe Stallburschen wie ihn, als hätten sie schon vor Jahren und Jahrzehnten die Stille beherrschen gelernt. Es bedurfte unter ihnen keines Blickes und keines Wortes. Als wären sie eins trieben sie ihre Tiere voran, zum Tor.
Ihre Einheit mochte trügerisch und falsch sein. Eine einzige falsche Bewegung mochte sie zerfallen und in Misstrauen und Hass umschlagen lassen, aber diese Krieger hatten ihren Posten durch Disziplin erlangt. Auch wenn es unter der dünnen Oberfläche brodeln mochte, auch wenn die scharfen, gekrümmten Klingen schneller gezogen waren als ein Auge erkennen konnte, auch wenn es in Wirklichkeit nie etwas wie Zusammenhalt und Gemeinsamkeit geben konnte und würde: Disziplin hielt sie zusammen, Disziplin, die aus der Angst geboren war, zu versagen und unter der Peitsche nichtig zu vergehen. Dennoch schien ihre Eleganz und Einheit so vollkommen und schön, nicht gezwungen und erstarrt. Bewundernd blickte der junge Drow ihnen nach und ein zweites Mal erstarrte er. Am Gürtel der Kriegerin erblickte er ein rotes Glühen. Er hatte von diesem hungrigen, bösen Licht gehört, das eine der Kriegerinnen stets bei sich trug. Es war in den Reihen der Diener und Sklaven zu einer Legende geworden, gleichbedeutend mit dem Tod der törichten Feinde des Hauses und gleichbedeutend mit Kampf und Hass. Er vermochte nicht im Ansatz zu erahnen, wofür diese vier Krieger unterwegs waren. Noch einige, lange Augenblicke stand er still da und blickte ihnen nach. Die Stille, die die Vier umgeben hatte, lag noch wie ein dumpfer Druck in seinen Ohren, lange nachdem die Reiter den Hof durch das Außentor verlassen hatten. Es gab nichts bewundernswertes, furchtbareres und herrlicheres als diese Stille, die Musik des Todes.

Das leise Lachen und Singen, dem Ilvas von seinem erhöhten Posten aus gelauscht hatte, klang auch, getragen vom Wind, zu einem kleinen Birkenwäldchen, das in einer weiten Schleife des Baches lag, hinüber. Der Boden des Wäldchens war mit Gräsern und lichtem Unterholz bedeckt, bis auf den kleinen, kreisrunden Platz, auf dem reglos eine Elfe saß und die Hände in den Schoß gelegt hatte. So still und bewegungslos war ihr Körper, dass man sie leicht hätte für einen Teil des Wäldchens selbst halten können. Der Wind spielte in ihren weichen, langen Haaren, die die Farbe von hellem Holz hatten, das von Wind, Regen und Sonne in langen Jahren ausgebleicht worden war. Ihr Gesicht war sonnengebräunt wie Haselnuss und ihre Augen hatten waren hell und durchdringend, hellblau wie Winterhimmel, aber mit der klaren Schärfe von Eiswasser. Viel Wissen lag in ihnen, so viel, dass es vielleicht so manchen Geist verdorben hätte. Im Gesicht der Elfe aber lag Wärme und Güte und eine Weisheit, die mit all dem Wissen mitgewachsen zu sein schien, in Jahren und Jahrhunderten. Alt musste sie sein und doch war ihr Gesicht jung und freundlich. Sie atmete gleichmäßig und ruhig, wie jemand, der tief schläft, aber ihre Augen blickten wach in die Ferne. Sie schien so völlig natürlich an diesen Ort zu gehören, als wäre sie schon immer hier gewesen, mit den Birken und den Gräsern, dem Bachlauf und dem Wind.
Ihr Blick ging durch das Unterholz, durch zarte Blätter und Wildgräser und reichte direkt bis zum Horizont oder darüber hinaus. Ihre Augen schienen mehr zu sehen als diese einfache Wirklichkeit, als wären sie in der Lage, das Wesen der Dinge darunter zu erkennen, als wären Gegenwart und Realität bedeutungslos. Ihr Blick und ihr Wissen reichte weiter, durchschaute die Fallstricke von beidem und ließ sich nicht irreführen.
Der Ausdruck in ihrem Gesicht zeugte von tiefem Frieden und Ruhe. Was auch immer diese Augen sehen mochten, es schien wunderschön zu sein. Plötzlich aber verdunkelten sich ihre Züge, sie zuckte erschrocken zurück. Der sanfte Bann von Frieden, der über dem Ort gelegen hatte, war auf einmal gebrochen, eine Spur von Furcht blitzte in den hellen, wissenden Augen auf. Ungleich deutlicher aber lag darin auf einmal eine tiefe Trauer, beinahe etwas wie Mitleid. Eine einzelne, kristallklare Träne rann die Wange der Elfe hinab. Sie blinzelte einige Male, als fiele es ihr schwer, sich von dem zu lösen, was sie sah. Endlich aber bewegte sie sich, streckte vorsichtig ihre Arme, dann ihre Beine. Erst nach mehr als einem Dutzend Atemzügen konnte sie aufstehen. Behutsam tastete sie sich auf ihrem Weg voran, zum Bach und zu den Elfen, die sie gehört hatte. Unsicher glitten ihre Finger über die geschmeidigen Stämme der Birken, bis sie fand, was sie suchte: einen hellen, leicht gewundenen Stab, der an einen der Stämme gelehnt war. Ihre schlanke Hand umfasste das Holz und der Stab schien ihr Sicherheit und Halt zu geben. Ihr Schritt war nicht mehr ganz so zögernd. Doch ihr Blick fand nichts von alledem, weder die biegsamen Baumstämme, noch den Stab in ihrer Hand. Die alte Elfe, deren Blick eben noch so weit und unendlich tief gesehen hatte, war blind für ihre Umgebung.
Dennoch bewegte sie sich sicher durch den Hain. Ihr Schritt war langsam, aber nicht mehr zögernd und selten einmal knackte ein Ast unter ihrem Fuß oder raschelten Blätter, die sie gestreift hatte. Ihr Weg führte sie zurück zu den Lagern der Sippe.
Zwischen einem Wall aus Dornbüschen, geduckt in eine Mulde zwischen einigen mächtigen, ausladenden Buchen, waren nahe dem Waldboden zwischen den Stämmen einige sorgfältig vernähte und abgedichtete Häute mit einander verbunden worden als Schutz gegen Kälte, Wind, Regen oder zu große Hitze. Im Dämmerlicht des Waldes waren sie kaum vom Wald und seinem Unterholz zu unterscheiden und man musste schon sehr genau hinsehen, um zu erahnen, dass hier die Sippe lebte. Sobald man durch den schmalen Spalt, den die dornigen Büsche freiließen, wenn man an der richtigen Stelle danach suchte, trat, war es, als stünde man plötzlich in einer anderen Welt. Zwischen den Zelten gingen die Elfen, spielten Kinder und auf einmal hörte man auch die typischen Laute eines knackenden Feuers und anderer Dinge, die einfach zum Lagerplatz für so viele gehörten. Es schien, als habe man eine Zauberbarriere durchschritten, die Geräusche und Bewegungen abgeschirmt hatte, und vielleicht war es auch so.
Die alte Elfe hielt kurz inne. Die Geräusche, die sie nun so plötzlich hörte, schienen sie einen Moment lang zu verwirren. Aber schon kam ein Elf auf sie zu, fast noch ein Junge. Seine schlaksige Gestalt wirkte noch etwas ungelenk wie die eines jungen, noch unerfahrenen Wildtieres. Er berührte sie vorsichtig an der Hand und lächelte warm. Blicklos erwiderte sie sein Lächeln, wenn auch nur kurz.
„Ruf alle zusammen“, flüsterte sie. „Ich habe etwas gesehen, alle sollen es hören.“ Ihre Stimme passte zu ihrem Äußeren, sanft und hell und doch ließ sie eine innere Kraft erahnen, die mühelos jede Sanftheit sprengen könnte.
Der Elf nickte nur und drehte sich um. Flink wie ein Eichhörnchen schwang er sich eine der hohen Buchen hinauf, die im Lager standen. Was man zuerst für Efeu oder Moos am Stamm des Baumes hätte halten können, entpuppte sich als trittsichere Strickleiter für seine Hände und Füße und bald schon war er im Geäst der Baumkrone verschwunden. Nur wenige Atemzüge später erschallte von dort ein heller, trillernder Vogelruf.
Gespräche unten im Lager verstummten und die Blicke der Elfen suchten den Ursprung des Rufes in den Bäumen.
„Es ist recht so, er ruft alle zusammen“, sagte die alte Elfe, die mittlerweile an den sorgsam eingebetteten Feuerplatz in der Mitte des Lagers getreten war. „Ich muss zu euch sprechen.“ Ihre Stimme klang ernst, passte gar nicht zu der sorglosen, fröhlichen Atmosphäre des Lagers und zu dem lichten Tag.
Es dauerte eine Weile, bis sich alle eingefunden hatten. Das Feuer am Platz war heruntergebrannt und in dem leisen Knacken der letzten trockenen Äste in der Glut lag eine seltsame Spannung. Die Elfen wurden selten so zusammengerufen. Normalerweise bedurfte es einer solchen Versammlung nicht. Dennoch würde nie einer von ihnen die Bitte um eine solche Versammlung abschlagen. Dass die alte Elfe, die einst, als sie ihr Augenlicht verlor, um ein neues zu gewinnen, den Namen Weitblick erhalten hatte, diesmal die Sippe versammelte, ließ sie alle besorgt werden. Sie hatte nie dergleichen getan. Sie sah und hörte viel mehr als alle anderen, auf eine seltsame Art, die nur wenigen zugänglich war. Was hatte sie gesehen, dass es Grund genug gewesen war, alle zu rufen?

Das Trommeln der Klauenfüße im weichen Erdreich hatte einen unangenehmen, zweitaktigen Rhythmus. Die Krallen gruben sich in den Boden, rissen ganze Brocken von Gras und Erdreich heraus, zerrissen Wurzeln und zerstörten das Bild der satten, grünen Wiesen auf dem weiten Festland vor Skara Brae. Die vier Echsen hetzten keuchend und mit vor Panik oder Hass bis ins Weiße verdrehten Augen voran, gnadenlos angetrieben durch die vier Reiter, die sich dicht über die langgestreckten Hälse der Tiere beugten. Gelegentlich war das Knallen der ledernen Zügel auf der schuppigen Echsenhaut zu vernehmen, wenn die Reiter ihre Tiere noch mehr zur Eile antrieben. Der schaumige Speichel der Echsen fiel in Flocken neben ihnen zu Boden, aber die Reiter ließen ihre Tiere nicht langsamer laufen. Sie trieben ihre Tiere nach Norden, hin zu den dichten, grünen Wäldern, die sich an die Flanken der gewaltigen Berge im Landesinneren schmiegten. Sie folgten erst dem Rand eines Ausläufers des Waldes, dann den Ausläufern der Berge selbst.
Selbst im Sonnenlicht des Nachmittages waren Einzelheiten von Reitern und Tieren schwer zu erkennen. Die Rüstungen und das schwarze Leder der Sättel, ja sogar die fast schwarze Haut der Reiter schienen das Licht der Frühlingssonne zu verschlucken. In dem grünen Land, das jetzt im Frühling langsam aufblühte, wirkten die vier Reiter wie Fremdkörper, wie schwarze, schmarotzende Insekten auf den blassen weißen Blüten der Schneeglöckchen und Krokusse.
Den Rest des Tages und noch während der Dämmerung zur Nacht hin hetzten die Reiter ihre Tiere voran. Zuerst wiesen ihnen noch Straßen und Wege, später nur dünne Pfade und gegen Abend nur noch die Beschreibungen, die sie vor ihrem Aufbruch von Kundschaftern und Spähern erhalten hatten, den Weg. Erst, als der letzte Streifen Sonnenlicht am Horizont verblasste und sich die Sterne klar und kalt am dunklen Himmel ausbreiteten, saßen sie von den vor Erschöpfung taumelnden Tieren ab. Den Reitern schien es kaum besser zu gehen, ihre Bewegungen waren steif und von der lautlosen Perfektion, die sie noch am Vormittag bewiesen hatten, war wenig geblieben. Einer von ihnen nahm die Zügel der vier Tiere und führte sie etwas abseits zu einem kleinen Waldtümpel.
Die übrigen drei schlugen am Rand des Waldes ihr Lager auf. Ohne Feuer und ohne eine Wort rollten sie die Decken aus, aßen schweigend den zähen, trockenen Proviant und tranken vom Wasser aus ihren Flaschen. Nur selten trafen sich die Blicke der drei roten Augenpaare und immer schlummerte darin nur mühsam unterdrücktes Misstrauen und schwelende Grausamkeit. Bald darauf legten sich die drei auf ihren Decken nieder, um zu ruhen. Der vierte blieb wach und band die Echsen verteilt an die Bäume um die Lagerstatt herum. Hier, auf dem Gebiet ihrer Feinde, war nicht wahrscheinlich, dass sie lange ungesehen blieben. Wichtig war, dass sie gewarnt wurden, wenn die Angriffe kamen.
Die drei Krieger in ihren Decken schliefen nicht lange. Drei oder vier Stunden nach Einbruch der Dunkelheit wurden sie geweckt. Schweigend legten sie ihre Rüstungen wieder an, überprüften den Halt ihrer Waffen und ihre Ausrüstung. Die nadelfeinen Spitzen der schwarzgefiederten Bolzen für die Handarmbrüste wurden sorgfältig mit einer öligen, zähen Flüssigkeit bestrichen, dann hielten sie alle inne.
Zu viert kauerten sie im Unterholz und Gras des Waldrandes nieder. Ihre Blicke waren auf den Boden gesenkt, ihre Lippen bewegten sich, formten lautlos die Worte eines unheiligen Gebetes: „Belbau udossa z’ress lueth zhaunil ulu ultrinnan lueth ulu ori’gato udossa ogglinar el uss naikelea elghinn – streea whol Lloth! Lloth tlu malla! Lloth kyorl udossa!”
Langsam standen sie einer nach dem anderen auf. Ihre Bewegungen hatten wieder an Geschmeidigkeit und Eleganz gewonnen. Leise richteten sie ihre Decken. Der vierte Krieger blieb mit den Echsen beim Lager. Müde beobachtete er ihre Bewegungen und die Routine in dem, was sie taten. Die Kriegerin trat leise zu ihm. Ihre Worte klangen zischend und grausam. „Dos phuul udossa or’elgg ulu lil darthiir ka nind doer uchado.“ Wortlos senkte der Krieger seinen Blick. „Lloth kyorl dos“, flüsterte er. Er wusste, dass sie Lloths Schutz brauchen würden und dass er ihn umso nötiger hatte, wenn sie versagten. Wenn ihre Feinde kamen, würde er es sein, der angegriffen werden würde.
Die drei blickten noch einmal zurück, dann verschwanden sie in der Dunkelheit des Waldes. Der Mond stand blass und hell am Himmel, seine Sichel spendete genug Licht, um Umrisse erkennen zu lassen und doch viel zu wenig, um zu erklären, mit welcher katzenartiger Lautlosigkeit sich die drei schwarzen Elfen bewegten. Als wäre es taghell wichen sie tiefhängenden Ästen aus und setzten ihre Füße, wo Laub und Moos weich genug waren, um keinen Laut zu machen. Langsam trennten sich ihre Wege voneinander. Wie in einem Fächer schwärmten sie aus, suchten trotz der Finster am Boden nach Spuren ihrer Jagdbeute. Dass sie Jäger waren, daran bestand kein Zweifel. Nichts, das Beute war, bewegte sich mit solcher beinahe an Arroganz grenzenden Selbstverständlichkeit durch die Nacht. Langsam entfernten sie sich vom Lager, gingen tiefer in den Wald hinein. In der Ferne konnte man zwischen dem Rauschen der Blätter das leise Gurgeln und Murmeln eines kleinen Baches hören.
Seinem Lauf schlossen sie sich an, denn ein Wasserlauf konnte gleichzeitig bedeuten, dass ihre Beute ihn lebensnotwendig nutzte. Tiefer und tiefer folgten sie dem gewundenen Lauf zwischen den schwarzen Stämmen von Erlen und Büscheln von Schilf hindurch. Der Untergrund war schlammig und trügerisch, doch keiner der schwarzen Elfen stolperte oder strauchelte auch nur ein einziges Mal. Die Sicherheit, mit der sie sich hier, nahe am Herzen ihres Feindes noch bewegen konnten, hätte einem Beobachtet Schauer über den Rücken jagen können. Die Blicke der roten Augen durchdrangen die Nacht, schweiften zwischen Wurzeln und den moosbewachsenen Stämmen der Bäume umher, suchten unablässig nach Spuren in der Finsternis.

"Ich weiß, dass ihr euch sorgt, weil ich euch alle rief", sagte Weitblick. Die blinde Elfe sprach leise, aber noch deutlich genug, dass alle sie hören konnten. Über der kleinen Versammlung rauschte der Wind in den Blättern der Buchen und ließ die alten Zweige knarren.
"Ich hätte euch auch niemals gerufen, wenn ich es nicht für wichtig gehalten hätte." Eine Spur von Bedauern schwang in der sanften Stimme der Elfe mit. "Aber es ist wichtig. Ich habe Gefahr gesehen, die unaufhaltsam auf uns zukommt. Sobald die Sonne untergeht, wird sie hier sein und wenn der Mond am Himmel steht, ist sie unter uns." Mit weit aufgerissenen Augen blickte die Elfe in die Ferne. "Sie kommt nicht in Frieden, nur Tod geht von ihr aus und kein Wort und keine zur Freundschaft ausgestreckte Hand wird sie auch nur zögern lassen."
Beunruhigt blickten die Elfen sie an. Jemeerla legte die Arme fester um die beiden Kinder in ihrem Schoß. Einen Moment lang sprach niemand, dann unterbrach ein leises, wohlklingendes Lachen die bedrückte Stille. Ilvara lachte. Sie hatte den Arm um ihren Geliebten Eisvogel gelegt und löste sich nun aus seiner Umarmung um sie, um aufzustehen und zu sprechen.
"Was soll das für eine Gefahr sein, Weitblick?" Ihre Stimme hatte einen vollen, warmen Klang. Keine Spur von Furcht lag darin sondern eine tiefe, ehrliche Zuversicht. "Erzähl, was du gesehen hast. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was uns allen hier, in unserer Heimat, gefährlich werden kann. Haben nicht die Jäger und Krieger bisher jedes hungrige Wolfsrudel, jeden wilden Vorstoß der Orks in unseren Wald und jede Gefahr durch die Gier der Menschen abwehren können? Selbst die Dürre und die kältesten Winter haben wir überstanden."
Viele nickten zu Ilvaras Worten. Es gab nicht viel, was den Frieden hier stören konnte. Das wenige, was bis hierher, in die grünen Wälder, vordringen konnte, wurde doch immer aufgehalten, bevor er der Sippe hatte schaden können. Vor diesen Gefahren hatte Weitblick nie gewarnt. Warum also jetzt?
Die alte Elfe nickte. "Es ist gut, dass Zuversicht und Mut euch zusammenhält. Beides können wir brauchen. Ein alter Feind sucht uns heim, so alt wie unser Volk selbst: Neid, Zwietracht, Missgunst. Die Kinder dieser drei sind auf dem Weg zu uns." Weitblick sah die fragenden Blicke der Versammlung nicht, die auf ihr ruhten, aber sie spürte sie so deutlich, als wären die Fragen ausgesprochen worden. "Ich kann euch nicht viel mehr sagen. Diese Gefahr ist anders als alle anderen. Sie gehört nicht hierher wie ein Rudel Wölfe, wie die Kälte oder die Dürre. Sie beruht nicht auf dem tumben Blutdurst der Orks oder der widernatürlichen Gier der Menschen. Es ist etwas Altes, das uns schon immer anhaftete. Eine alte Schuld, die nie beglichen wurde."
Weitblick spürte, wie die Elfen unruhig wurden. Sie spürte, wie viele unter ihnen zweifelten und ihre Worte nicht ernst nahmen. Gleichzeitig aber fühlte sie, wie wichtig es war, für sie alle, dass sie ihr glaubten. Sie wusste, dass das, was sie nun tat, sie viel Kraft kosten würde, Kraft, die ihr dann in der Nacht, wenn die Gefahr aufzog, schmerzlich fehlen würde.
Dennoch hob sie den gewundenen, hölzernen Stab in ihrer Hand und deutet auf die Glut zu ihren Füßen. War es nun ein Windstoß, ihre eigene, weit ausholende Bewegung, Zufall oder tatsächlich ihr Werk - jedenfalls glühten die ausgebrannten Holzstücke neu auf. Rötlicher Feuerschein erhellte die Gesichter der um die Glut versammelten Elfen.
"Seht", rief Weitblick und deutete mit der anderen Hand ebenfalls auf die Glut, "was ich in Schemen nur erahnen konnte. Ich will mit euch teilen, was ich sah und ich will es für euch deutlicher werden lassen als es für mich allein sein konnte."
Noch während sie die letzten Worte sprach, veränderte sich die Glut vor den Augen der Elfen. Zuerst unmerklich, dann immer deutlicher formten sich Bilder in ihr, die sich bewegten. Farben und Formen trennten sich voneinander ab, im Feuerschein erschien auf einmal das Bild der weiten, grünen Wiesen im Süden der Wälder. Doch über dem Bild lag nicht der Frieden und der wilde Atem von Freiheit im Wind sondern die Bilder stanken nach Angst. Vier Reiter auf Echsen störten die Schönheit der Ebenen. Die Krallen der Tiere rissen den Boden auf, das peitschende Knallen, das die Tiere vorantrieb, spottete dem Lied des Windes. Schärfer und deutlicher formte sich das Bild, ließ die eng über die dürren Hälse der Tiere gebeugten Reiter genau erkennen: schlanke, wendige Gestalten, kleiner als Menschen und kleiner als die meisten Elfen der Sippe. Doch von ihnen ging ein Hass und eine Verdorbenheit aus, die sich kaum in Worte und nur schwer in Gedanken fassen ließ. Mit ihrer dunklen, beinahe schwarzen Haut, den silberweißen Haaren und den roten, in dumpfem Hass glühenden Augen sahen sie aus wie das verkehrte Zerrbild der Elfen in der Sippe.
Mit diesem letzten Bild senkte Weitblick die Hände und stützte sich schwer auf ihren Stab. Augenblicklich erloschen die Bilder in der Glut und feiner, grauer Rauch kräuselte von der Feuerstelle empor in das Blätterdach und den klaren Himmel darüber. Weitblick schloss die Augen und atmete einige Male tief durch. Die Bilder hatten sie mehr Kraft gekostet, als sie gewollt hatte und doch hatte sie das Gefühl, das richtige getan zu haben. Die Elfen hatten ihre Zweifel an ihren Worten verloren. Einige waren aufgesprungen, andere hielten einander. Die beiden Kinder in Jemeerlas Armen weinten leise.
Matras Dornvogel, der älteste der Jäger der Sippe, sprach als erster.
"Danke, Weitblick. Verzeih, dass wir gezweifelt haben an dem, was du uns sagtest." Seine Stimme, sonst kräftig und entschlossen, klang nun leise und zögernd, als müsse er nach den richtigen Worten suchen. "Wir müssen alles tun, um die Sippe zu schützen. Wenn diese dort wirklich auf dem Weg hierher sind, müssen wir uns verteidigen."
Neben Matras stand ein weiterer Jäger auf. Sein braunes Haar hatte einen rötlichen Ton wie das Fell eines Fuchses im Winter und ebenso wie bei einem Fuchs hatten seine Augen die Farbe von Bernstein. Learo Fuchsfell war ein hervorragender Fährtenleser und Kundschafter. "Bevor nun alle beraten, wohin die Kinder gebracht werden und wie sie am besten zu schützen sind, möchte ich mit Ilvas aufbrechen und die Ankunft dieser Feinde beobachten. Wenn sie von den Ebenen aus losgeritten sind, werden sie Rast brauchen. Ihre Ruhestatt werden wir suchen. Vielleicht können wir sie dann schon von dort wieder zurücktreiben, ehe sie wirklich in den Wald eingedrungen sind."
Ilvas war zu seinen Worten aufgestanden. Für den jungen Elfen waren Learos Worte eine Ehrung und eine schwere Verantwortung zugleich. Plötzlich verließ sich die Sippe auf ihn und darauf, dass sein feines Gehör sie alle rechtzeitig warnen würde. Er blickte zu dem sanften, schönen Gesicht seiner Schwester und zu Eisvogel, der neben ihr saß. Niemand sollte dies je stören dürfen. Er nickte kurz und damit war die Sache beschlossen.
Ilvas und Learo brachen wenige Minuten später auf, mit den schlanken Elfenbögen auf dem Rücken und dem wenigen an Ausrüstung, was sie nicht allzu sehr bei ihrer gefährlichen Aufgabe behindern sollte.

Die Dunkelheit machte dem Krieger nichts aus, das war nur zu wahr. Seine Augen waren geschaffen für die Finsternis und die Nacht hier war sogar weit heller, als er es gewohnt war. Er hatte Jahre seiner Ausbildung in der Finsternis des Unterreichs verbracht, in seinen Tunneln und Gängen, seinen gewundenen Fluren, gewaltigen Höhlen und bodenlosen Schluchten.
Zhar T’Lay, Soldat des Hauses Despana und im Unterreich einer der besten Fährtenleser des Hauses, ging an der linken Seite der Dreierformation der Drow. Im Unterreich hätte er genau gewusst, wo sie sich befanden, hätte anhand von Geräuschen oder sogar leichten Erschütterungen erahnt, was sie taten, aber hier... . Die zahllosen Laute, die der Wald von sich gab, verwirrten ihn und zerrten an seinen Nerven. Das Rauschen vom Wind in den Blättern, das Knarren der Bäume, ein einzelner Vogelschrei, das Gurgeln des kleinen Baches, sein eigener Schritt im Laub, ein leises Rascheln im Gehölz neben ihm. Er zuckte nervös zusammen. Dort war nichts zu sehen. Im Unterreich war das lauteste Geräusch, das über allem lag und alles andere zu übertönen schien, die Stille.
Hier oben war es genau umgekehrt: zwischen all dem Lärm konnte man die Stille kaum mehr heraushören. Zhar zuckte wieder nervös zurück. Wo waren die anderen? Die Nacht war zu hell, das Mondlicht und die Sterne funkelten verwirrend, Sternenlicht spiegelte sich glitzernd und tanzend auf dem Bach, in einer kleinen Pfütze daneben, Äste rieben an einander so wie gefräßige Insekten ihren ihre Fangarme an einander rieben.
Zhar hielt inne und zwang sich zur Ruhe. Er war kein junger Narr mehr gewesen, als er das Unterreich verlassen hatte, um Despana auch hier an der Oberfläche zu dienen. Er würde jetzt nicht damit anfangen, sich wie einer zu benehmen. Der Grund für seine Unruhe war nicht der Wald und nicht die Gefahr, die darin für ihn lauerte. Die eigentliche Ursache lag wesentlich tiefer und stak in seinen Gedanken wie ein giftiger Stachel.
Er wusste, warum er ausgesucht worden war, dieses Unterfangen zu begleiten. Er wusste sehr genau um seine Fähigkeiten und seine Meisterschaft. Er hatte sogar schon Jagden wie diese geleitet. Jetzt aber musste er sich auf einmal wieder Befehlen beugen als wäre er ein Anfänger, ein gerade rekrutierter Schüler, ein stümperhafter, blutjunger Narr. Dabei reichten seine Fähigkeiten um einiges weiter.
Es war jetzt schon klar, wer am Ende der Jagd den Ruhm für sich einstreichen würde, obwohl sie von ihm und seinen Können abhing. Zhar hasste TinTamarra dafür bis aufs Mark. Sie hatte nicht im Ansatz seine Fähigkeiten. Es gab keinen Grund, dass sie zuletzt als die glorreiche Siegerin über die Darthiiren dastehen sollte. Zhar hielt inne. Ein dünnes Lächeln huschte kurz über seine sonst so unbewegten Züge. Er konnte sich in etwa ausrechnen, wo die anderen beiden waren, aber sie wähnten ihn sicher schon ein oder zwei Dutzend Schritte weiter. Im Geiste ging er die verschiedenen Möglichkeiten durch.
Er könnte jetzt aufholen, TinTamarra folgen, sie würden siegen und die Kriegerin würde seinen Ruhm einstreichen. Genauso gut hätte dann, zumindest in den Augen der Ilharess, an seiner statt jemand anderes an der Jagd teilnehmen können. Er wäre auswechselbar und namenlos. Nie würde er auf diese Art den Status erlangen, der ihm gebührte.
Oder aber er würde die beiden anderen vorausgehen lassen. Zu zweit war die Chance, dass die Elfen sie umzingelten, sehr groß. Die beiden sargtlinen im Wald waren im Umgang mit der Waffe hervorragend ausgebildet. Vermutlich würden sie den einen oder anderen der madenhäutigen darthiir mit ins Verderben reißen bevor deren Pfeile sie endgültig erwischten. Er musste dann nur abwarten. Abwarten, bis die Elfen abgezogen waren und danach würde er sich der Überreste des Kampfes als Beweis seines Triumphes bemächtigen. Dann würde er zu den Echsen und mit ihnen und dem Wächter zur Feste zurückkehren. Im anderen Fall, dass die Elfen nämlich nicht gegen die beiden Krieger siegen würden, war es sogar noch einfacher: Er würde sich dem Kampf, wenn sein Ausgang so gut wie sicher feststand, anschließen. In dem Fall hätte er nichts verloren und immerhin die genutzte Chance auf den Ruhm, der ihm eigentlich zustand, gewonnen. Es war ungefährlich und auch wenn er in diesem Fall doch nur wieder unbeachtet und ohne Ruhm zu ernten in der Feste ankommen würde, müsste er sich letztendlich nicht selbst einen Narren schimpfen, weil er die Möglichkeit nicht ergriffen hatte. Zhar folgte den beiden Dunkelelfen in großzügigem Abstand. Wenn sie kämpften, würde er es früh genug mitbekommen. Er musste nicht sein eigenes Leben riskieren, nur weil er ungeduldig war. Der Dunkelelf lächelte wieder kurz.
In dieser Nacht würde Elfenblut fließen. Ob es nun das der schwarzen oder der weißen Elfen sein würde, spielte keine Rolle. Jedenfalls würde es nicht sein Blut sein.

Learos Gestalt schien vor Ilvas fast mit dem Wald zu verschmelzen. Oft musste der junge Elf innehalten, um genauer hinzusehen oder zu lauschen, wo der Späher war. Ilvas hatte geglaubt, beinahe schon alles über den Wald und das Leben darin zu wissen, aber die Art und Weise, wie selbstverständlich Learo sich in ihm bewegen konnte, lehrte ihn das Gegenteil.
Unwillkürlich musste Ilvas über seine eigene Dummheit lächeln. Es gab noch so viel zu lernen.
Er und Learo waren bis zum Abend den Waldrand entlanggegangen und hatten nach Spuren gesucht. Nun war es dunkel, aber immer noch hatten sie nichts gefunden. Hatte Weitblick sich vielleicht doch geirrt? Der Wald schien so still und friedlich. In der Nacht, fand Ilvas, klang der Wald auch anders. Das Vogelkonzert fehlte natürlich, aber das allein war es nicht. Man spürte, dass der Wald schlief und dass doch gleichzeitig Dutzende Augenpaare auf einem ruhten, als habe der Wald ein zweites, dunkles Gesicht, das man nur bei Dunkelheit und Sternenlicht erkannte. Dieses Gesicht hatte seine eigene, sternklare und nachtdunkle Schönheit. Geheimnisvoll und verborgen hinter Schatten lagen seine Konturen versteckt und nur wenige seiner sanften Züge wurden durch silbernes Mondlicht erhellt. Ilvas atmete tief durch. Die kühle Nachtluft tat ihm gut und wischte seine Zweifel über Weitblicks Worte und den Unmut darüber, Stunden um Stunden ergebnislos gelaufen zu sein, einfach fort.
Weitblick irrte sich nicht. Der Elf hielt plötzlich inne. Als hätte der Gedanke an die blinde Seherin ihm selbst den Blick für die Gefahr geöffnet, spürte er plötzlich, dass etwas nicht stimmte. "Learo", flüsterte er und der Späher hielt einige Schritte vor ihm inne. Ilvas hob die Hand an sein Ohr und bedeutete Learo so, dass er lauschte.
Mehrere Atemzüge lang stand Ilvas vollkommen still. Er bemühte sich, seinen Herzschlag und Atem an den des Waldes anzupassen, selbst vollkommen lautlos zu werden.
Es stimmte, er hatte sich nicht geirrt: dort draußen war etwas, das so fremd hier war wie es nur eben ging.
Learo schien dasselbe zu spüren. Er starrte in die Nacht hinaus, eine Hand auf dem glatten Holz des Bogens auf seinem Rücken. Er winkte Ilvas, ihm zu folgen und war schon einige Schritte voraus, ehe dieser reagierte. Der junge Elf konnte sich nur schwer losreißen von dem seltsamen Eindruck. Er konnte die Fremdartigkeit und Bosheit dessen, was in den Wald eingedrungen war, nun beinahe körperlich fühlen. Er begann zu begreifen, warum Weitblick so beunruhigt gewesen war. Sie hatte schon viel früher gefühlt und gesehen, was er nun selbst spürte.
Erst als Learo beinahe aus seinem Sichtfeld verschwunden war, riss sich Ilvas aus seinen Gedanken los und folgte ihm. Learo schien die richtige Richtung gewählt zu haben. Das Gefühl nahm zu. Der Wald klang anders, die nachtsamtene Dunkelheit war nicht mehr voller Frieden, beherbergte nicht nur Schläfer, Nachtjäger und Nachtbeute. Etwas außerhalb dessen, was im Leben des Waldes seinen Platz hatte, jagte darin und es war nah, ganz nah. Ilvas streckte seine Hand aus und berührte Learo an der Schulter. Der Späher drehte sich halb zu ihm um. Ilvas legte den Finger auf die Lippen und lauschte. Er konnte sich selbst nur schwer erklären, woher er das Wissen und die Gewissheit nahm, aber er wusste, wie nah die Gefahr war, die Weitblick ihnen im Feuer gezeigt hatte. Es war kaum an Geräuschen festzumachen, was er hörte. Viel eher hätte der junge Elf sagen können, was er nicht hörte. Stille war in dieser Richtung, tiefer und lebloser, als er den Wald je gehört hatte. Aus diesem Impuls heraus deutete er in das Unterholz zur Rechten der beiden Elfen. Learo folgte seinem ausgestreckten Finger mit dem Blick und schien sich zu konzentrieren. Im Wechsel zwischen Mondlicht und Nachtschatten des Waldes schimmerten seine Augen wie die einer Katze. Er nahm den Bogen von der Schulter und zog langsam die Sehne darauf auf. Ilvas beobachtete ihn erstaunt. Hatte er wirklich etwas gesehen?
Der Späher bedeutete ihm, ein Stück weit zurückzugehen, einen Bogen zu machen um von einer anderen Richtung an den Platz zu gelangen, zu dem Ilvas selbst gedeutet hatte. Der junge Elf nickte. Er zwang sich, langsam zu gehen, den Atem des Waldes zu seinem eigenen werden zu lassen. Diese entsetzliche Stille, die er gehört hatte, erinnerte ihn an den Tod. Der Wald aber war nicht tot sondern voller Leben. Wer sich darin ungehört bewegen wollte, musste sich verhalten wie ein Teil davon.
Plötzlich erstarrte Ilvas in seinen Bewegungen. Da war es, deutlich und schon beinahe fassbar: Stille. Er duckte sich tiefer in zwischen Farne und die Stämme der Buchen um sich herum. Seine Augen konnten in dem verwirrenden Wechsel von silbernem Licht und dunklen Schatten zunächst nichts wahrnehmen, dann aber, endlich, erkannte er eine Bewegung. Jemand ging dort. Die Gestalt war schlank und vielleicht einen Meter und einen halben groß. Sie schien vollkommen schwarz zu sein, ihre Kleidung, ihre Haut, alles an ihr bis auf die Haare. Sie schienen zu einem kunstvollen Zopf zurückgeflochten und mit schwarzen Bändern durchsetzt, damit sie nicht ganz so grell in der Nacht auffielen. Sie bewegte sich mit einer Art lautlosen Eleganz, die Ilvas bewundernd innehalten lies. Er hatte diese Art der Bewegung überhaupt nur bei den besten Jägern beobachten können.
Aber im Gegensatz zu den Jägern war der Krieger dort - denn nichts anderes schien er zu sein, mit der langen, schlanken Klinge an seiner Seite und der Armbrust, die trotz ihrer schon beinahe lächerlich geringen Größe an ihm überhaupt nicht lächerlich wirkte - nichts, dass der Bewunderung wert war. Es brauchte eine Weile, bis Ilvas erkannte, was ihn zu diesem Eindruck brachte. Es war kaum mehr als ein Gefühl, eine Art innerer Abneigung, deren Quelle schwer zu bestimmen war. Dort ging sein Feind, der Feind der Elfen, der Feind es Waldes, ein Feind dessen, was Ilvas lieben und schätzen gelernt hatte.
Langsam nahm auch er den Bogen von der Schulter. Es galt, die Sippe zu beschützen. Sobald seine Finger das kühle, glatte Holz berührten, fühlte er sich ruhiger und sicherer. Sein Ziel war klar und lag deutlich vor ihm. Er zog die Sehne auf den Bogen und nahm einen Pfeil aus dem Köcher. Ruhig und sicher, als lege er auf eine der Übungsscheiben oder einen Hasen an, spannte er den Bogen.
Doch ehe er den Pfeil loslassen konnte, hörte er ein helles Sirren. Der dunkle Krieger fuhr herum und wurde plötzlich zurückgerissen, als habe eine unsichtbare Hand ihn gepackt und nach hinten gezerrt. Ilvas sah den schlanken, langen Pfeil, der im Brustkorb des Eindringlings steckte, als dieser selbst an sich herunterblickte und beinahe ungläubig die Hand um den Pfeilschaft schloss, als müsse er sich vergewissern, dass er wirklich da war.
Der Schmerz seiner angespannten Muskeln half Ilvas aus seiner Starre. Er richtete seinen Pfeil wieder auf sein Ziel aus und ließ ihn fliegen. Sein Ziel stand still und nicht einmal weit entfernt. Gleichzeitig ekelte Ilvas sich vor der grausamen Ruhe, mit der er diese Gedanken dachte.
Ein zweites Mal getroffen sank der Eindringling zu Boden. Ilvas' Pfeil steckte in seiner Seite. Der Elf konnte noch sehen, wie der Krieger sich in Schmerzen auf dem Boden wand. Ein leises Gurgeln entrann seiner Kehle, aber dann lag er still. Ilvas wollte aufspringen, um nachzusehen, ob er wirklich tot war, wer es überhaupt gewesen war, den er getroffen hatte, aber jemand hielt ihn zurück. Erschrocken fuhr herum und erkannte zu seiner Erleichterung Learo, der ruhig und mit dem bespannten Bogen noch in der anderen Hand hinter ihm stand. Er schüttelte den Kopf, legte dann einen Finger auf die Lippen und deutete in den Wald hinter dem schwarzen Krieger, dessen reglose Gestalt nun zwischen den Farnen nur noch schwer erkennbar. Er hob drei Finger und Ilvas begriff langsam, noch immer verwirrt durch den eigentlich so sinnlosen Tod des Eindringlings, was Learo sagen wollte. Da waren noch mehr. Natürlich, Weitblick hatte ihnen vier Reiter gezeigt. Es war gut möglich, dass sie bald nach dem einen hier suchen würden.
Einer, ein einziger von ihnen war erst tot und Ilvas fühlte sich schon ausgelaugt und müde, als habe er nicht einen einzigen Pfeil abgeschossen sondern einen ganzen Tag lang geübt.
Learo musste ein zweites Mal seinen Gesichtsausdruck richtig gedeutet haben, denn er lächelte kurz und legte seine Hand wieder auf Ilvas' Schulter. Behutsam beugte er sich vor. "Wir müssen die Sippe schützen, Luchsohr", flüsterte er. Ilvas fühlte sich durch diese Worte nicht besser. Der Tod war dennoch sinnlos gewesen. Ihre Verteidigung, ihr Mord an dem Eindringling mochte es vielleicht nicht gewesen sein. Es diente ihrem eigenen Schutz. Aber warum waren diese schwarzen Feinde hergekommen? Warum kamen sie, um doch nichts weiter zu bringen als Tod, sinnlos und endgültig?
Dennoch würde Ilvas alles tun, um dafür zu sorgen, dass sie den Tod nicht in die Reihen der Sippe trugen. Mit einem langsamen Nicken stand er auf und wandte sich zu dem Späher mit den Bernsteinaugen um.
„Du gehst zu den anderen und sagst ihnen, von wo sie kommen.“ Learos Flüstern war im leisen Nachtwind kaum zu hören. „Ich folge ihnen.“
Ilvas hielt seinem Blick kurz stand. Ihm gefiel nicht, Learo jetzt allein zu lassen. Hin und hergerissen zwischen der Notwendigkeit, die Sippe zu warnen, und dem Drang, den Späher nicht allein hier, so nahe bei den Feinden, zu lassen, zögerte er. Schließlich aber nickte er ein zweites Mal und wandte sich zum Gehen.

Zhar, der Späher, lag im Gras. Sein Atem ging mühsam und schleppend und er spürte, wie langsam mehr und mehr Blut in die gierige Erde unter ihm sickerte. Wie schnell doch der Tod gekommen war. Der Triumph war so greifbar gewesen, es hätte so leicht sein können... .
Er spürte keine Schmerzen, nicht mehr. Die Welt war plötzlich so kalt geworden und dafür umso klarer. Seine blutige Hand hielt noch immer den Schaft des Pfeiles, der aus seiner Seite ragte. Der zweite stak in seinem Hals und kostete ihn das Leben, grausam langsam.
Über dem Dunkelelfen umrandeten die Äste der alten Bäume das Kunstwerk am Himmel. Sterne, unendlich viele und dahingestreut wie Diamantenstaub, glitzerten am dunklen Himmel. Sie schienen Zhar kalt und teilnahmslos, als wüssten sie bereits alles und als wäre sein Tod nicht von Bedeutung, sinnlos und nichtig. Er spürte, wie er zitterte. Hätte der Dunkelelf jemals in seinem Leben weinen gelernt, so hätte er nun geweint. Aber so lag er, stumm, unfähig, sich zu regen und auch nur eine Träne zu vergießen, und wartete auf seinen bedeutungslosen Tod.
Er hörte das Gras neben sich leise Rascheln und sah, wie sich jemand über ihn beugte. Er sah in ein paar bernsteingoldener Augen. Im blassen Mondlicht konnte er erkennen, dass das Haar des Elfen eine beinahe rötliche Färbung hatte. Der Elf wirkte auf ihn mehr wie ein wildes Tier denn wie ein Gegner.
Hass auf den Elfen mischte sich mit Zorn über die Zufälligkeit, die Sinnlosigkeit seines Todes. Der Anblick der kalten Sterne und der goldenen Augen war das letzte, was Zhar wahrnahm. In Zorn und Hass tat sein Herz schließlich seinen letzten Schlag. Ganz so, wie es sein Leben lang geschlagen hatte, so verstummte es jetzt für immer. Endlich, endlich konnte Zhar seine ersehnte Stille wieder hören.
Die beiden Jäger in der Nacht standen still und lauschten. Sie beide waren zu weit voneinander entfernt, um sich zu sehen und doch hatten sie beide das Röcheln gehört, den Aufprall eines Körpers auf den Waldboden. Beide wandten sich um, schlichen ihren Weg zurück und vorsichtig dem Laut nach.
Die Kriegerin sah ihren Begleiter zuerst. Tief in die Schatten geduckt und langsam, um nur ja keinen Laut zu riskieren, näherte sie sich ihm. Er war zu gut ausgebildet, um erschrocken zu sein, als er sie, dicht bei sich, endlich wahrnahm. Die Blicke der roten Augen trafen sich kurz. Wo war der dritte Jäger, der mit ihnen gekommen war? Vorsichtig krochen beide weiter in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen sein musste.
Hier, wo der Wald lichter war, hatte sich Gras auf dem dunklen Boden ausgebreitet wie ein Parasit. Das Mondlicht schien hell darauf. Dort, im Gras, zwischen ein paar Farnen und Sträuchern, kauerte eine Gestalt. Sie schien etwas am Boden zu untersuchen. Plötzlich blitzte eine Klinge in ihrer Hand auf und sauste herunter. Die beiden Drow in den Schatten sahen stumm zu, wie der Elf ihrem Gefährten den endgültigen Todesstoß versetzte. Dann, wie auf ein Signal hin, nahmen sie beide die Armbrüste. Beinahe gleichzeitig spannten sie die Sehnen und legten die grazilen Bolzen auf.
Beide zielten, aber die Kriegerin ließ bald die Hand mit der Armbrust darin wieder sinken. Im Unterreich mochte ein Bolzen gerade eben noch so weit getragen werden. Aber hier waren der Wind, die Sträucher und Gräser. Der Bolzen würde zuviel an Wucht verlieren und nutzlos abprallen mit dem einzigen Effekt, dass der Elf gewarnt war. Gerade wollte sie ihrem Begleiter das Signal geben, den Elfen langsam zu umrunden, als er schoss. Der Armbrustbolzen löste sich von der Sehne und flog auf den Elfen zu. Es war, als hielte die Nacht den Atem an, die Sehne schnappte viel zu laut gegen die knöcherne Armbrust, der Bolzen zischte auf den am Boden kauernden Elfen zu, der gerade sein Messer im Gras abwischte. Die Kriegerin meinte beinahe sehen zu können, wie der Bolzen gegen feine Grashalme strich, wie der Wind das leichte Geschoss ablenkte und ihm mehr und mehr an Wucht nahm. Kraftlos schlug der Bolzen schließlich unweit des Elfen gegen einen schlanken Baumstamm und fiel zu Boden. Der Elf fuhr herum und starrte auf den Baum.
Die Kriegerin sprang auf. Zu spät war es, um ihn noch zu überraschen. Die gezackte Klinge lag wie selbstverständlich in ihrer Hand. Doch ihr Begleiter hielt sie zurück und zog sie wieder in die Schatten.
„Gaer orn tlu mzild darthiir wun lil lorugess.“ Er gebrauchte keine Worte, um sich ihr verständlich zu machen. Seine Hände formten lautlos die Zeichen und die Kriegerin zwang sich zur Ruhe. Die Zeichensprache, die im Unterreich so leicht zu lesen war, war hier, an der Oberfläche, wo alles voller Bewegung schien, verwirrend. Sie musste sich konzentrieren, um die Zeichen zu verstehen und nickte dann. Langsam zogen sich beide zurück. Viel mehr an Opfern war diese Jagd nicht wert, aber zumindest mussten sie ihre Beute nicht länger suchen.
Der Elf starrte in ihre Richtung. Für einen winzigen Augenblick schien es der Kriegerin, als blicke er sie genau an. Rote, hasserfüllte Blicke trafen auf die goldenen des Elfen, dann war der Moment vorüber und der Elf suchte weiter. Er hatte sie nicht gesehen. Es war nur ihre Einbildung gewesen. Die Kriegerin verzog angewidert das Gesicht. Sie gab sich der Schwäche solcher Zeitverschwendung hin.
Lautlos zog sie sich weiter zurück und folgte ein Stück weit ihrem Begleiter, der schon dabei war, die Lichtung langsam zu umrunden. Unwahrscheinlich, dass es noch eine Gelegenheit für einen zweiten Schuss geben würde. Dennoch versuchte er es, närrisch wie er war. Ein zweites Mal verzog die Kriegerin das Gesicht und zog sich weiter zurück ohne den Elfen lange aus den Augen zu lassen. Sollte ihr närrischer Begleiter sein Glück versuchen. Er hatte sicher recht gehabt: hier waren noch mehr bleichhäutige, madenweiße Feinde. Es war töricht, sich jetzt vorzuwagen wie er ihr selbst gesagt hatte. Dennoch tat er es. Hatte er nicht aus dem Tod des Spähers gelernt?
Sorgfältig verstaute sie den Bolzen der Armbrust und ihre Klinge wieder und zog sich noch weiter zurück. Sie hatte ihren Begleiter aus den Augen verloren. Der Elf schien hatte sich ein Stück weit in Deckung begeben. Hatte er den Bolzen gefunden?
In dem Augenblick kreischte etwas laut auf. Ein schwarzer Schatten flog an der Kriegerin vorbei. Schemenhaft erkannte sie Schwingen, das keckernde Kreischen klang in ihren Ohren nach. Entsetzt ließ sie sich rückwärts fallen und rollte sich ab. Es war ihr egal, dass Äste und Zweige unter ihrem Gewicht und ihrer unvorsichtigen Bewegung brachen. Schützend hob sie die Arme vor das Gesicht, aber der Spuk war vorüber. Eine einzelne, geschwungene Fasanenfeder sank vor ihr zu Boden. Die Kriegerin griff danach und bleckte die Zähne. Wie närrisch!
Hastig zog sie sich weiter zurück, fort von der Stelle. In der viel zu hellen Nacht versuchte sie, ihren Begleiter auszumachen. Aber er war irgendwo im Wald verschwunden. Ein Blick zu dem Grasplatz zeigte ihr, dass auch der Elf fort war.
Der Wald um sie herum schien plötzlich voller Feinde. Wohin war der Elf verschwunden? Wo waren seine Begleiter? Wo war ihr Begleiter? Die Bäume, Äste, Zweige und Blätter drehte sich um sie herum. Ein leises Rascheln ließ sie erschrocken innehalten, der Wind schien ihr laut und kalt. Ihre Füße verfingen sich in einer Wurzel. Es kostete Zeit, kostbare Zeit, sie leise wieder zu befreien.
Sie wusste nicht genau, in welche Richtung sie geflohen war, als sie endlich zur Ruhe kam. Sie zwang sich, sich in den Schutz eines Strauches zu kauern, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, der schräg ins Unterholz gefallen war. Langsam, ganz langsam kehrte ihre Orientierung zurück. Sie hörte das Gurgeln des Baches und konnte entfernt den helleren Grasfleck ausmachen. Ihre Hand tastete über den Baumstamm. Die Festigkeit gabihr Halt.
Zhar war tot. Jar’ezzar war dort draußen, vielleicht dem Elfen auf den Fersen, vielleicht schon das Ziel anderer, die zwischen den Bäumen lauerten.
So hatte es keinen Sinn. Wenn Jar’ezzar hier in diesem verwirrenden Labyrinth aus Bäumen und Licht in der Dunkelheit nicht alles vergessen hatte, was er gelernt hatte, würde er sich auf Umwegen zum Lager zurückziehen. Immer noch waren sie zu dritt. Genug, um noch erfolgreich zu sein, wenn sie sich neu organisierten. Erst jetzt bemerkte TinTamarra wie das Holz unter dem Druck ihrer Hand bröckelte. Sie hatte Halt gesucht, sich fester daran geklammert, als gut gewesen war. Morsch und feucht zerbröckelte das Holz unter ihrer Hand. Hatte sich der gesamte Wald mit all seinem Leben, von den Wurzelspitzen bis in die höchsten Baumkronen gegen sie verschworen? Etwas huschte über ihre Haut und ließ sie erschauern. Eine Spinne, mit hauchzarten Gliedern und einem feinen, weißen Kreuz auf dem dunklen Leib. Die Kriegerin starrte darauf. Plötzlich war die Haltlosigkeit egal. Die Unsicherheit, der Tod ihres Begleiters, es spielte alles keine Rolle für sie. Das Netz wurde gewoben, für jeden einzelnen von ihnen. Sie lebte und sie starb für die Göttin. Sie war hierher gesandt worden, um zu töten. Wenn nötig, würde sie auch sterben, um zu töten.

Matras stand neben dem Feuerplatz und blickte zu den alten Bäumen empor, die sie so viele Jahre lang beschützt hatten. Es dämmerte bereits und das Abendlicht verlieh ihnen einen vergänglichen, goldenen Glanz. Der alte Jäger und Krieger hatte noch nie eine Situation erlebt, in der er sich nicht auf den Wald und seinen Schutz hatte verlassen können.
So hatte er auch dazu geraten, die Kinder und einige wenige Beschützer für sie hinaufzubringen, hoch in die Kronen. Gerade jetzt wurden mit Hilfe von Seilen die Decken, lederne Halteleinen, Nahrung, Pfeile, Bögen und einiges mehr, was die Elfen für notwendig gehalten hatten, nach oben gezogen. Jemeerla saß schon in der breiten Krone einer alten Buche und ordnete schweigend, was oben angelangt war. Matras bedauerte, dass sie nicht bei den Kriegern war. Jemeerla Wolfspfote war eine grimmige Kämpferin und nahezu unermüdliche Jägerin. Ihr Fehlen würde deutlich auffallen, aber von ihr zu verlangen, ihre Kinder allein zu lassen, wäre nichts gewesen, was Matras oder ein anderer in der Sippe gewagt oder gewollt hätte.
Zumindest gab es dem alten Krieger die Gewissheit, dass Ilvara, seine Tochter, ebenfalls in Sicherheit war. Sie war keine Kämpferin und die Gefahr, die vor ihnen aufgetaucht war, bezauberte man nicht mit Liedern und Lachen, also würde auch sie bleiben.
Er wandte sich von den Vorbereitungen in den Bäumen ab zum Lager. Die Zelte waren allesamt abgebrochen und flach auf den Boden gelegt worden. Laub und alte Zweige hatten sie und die Habseligkeiten der Sippe unter ihnen schon bedeckt. Matras lächelte. Selbst ihm wäre im flüchtigen Vorübergehen nicht aufgefallen, dass hier ein Lagerplatz war, hätte er ihn nicht genau gekannt.
Neben ihm, genau dort, wo die nun mit Laub bedeckte Feuerstelle war, trat jemand an ihn heran. Matras drehte sich um und blickte direkt in die hellen, klaren Augen der blinden Seherin. Ihr Blick ging in die Ferne und doch schien sie ihn zu sehen, denn sie stand ihm zugewandt. Er erinnerte sich noch an die Zeit, als Weitblick noch nicht blind gewesen war. Die Sippe war kleiner gewesen, damals. Die Wälder waren ihm, Matras Dornvogel, voller Abenteuer und Geheimnisse erschienen, die er ergründen wollte. Jung war er gewesen. Damals hatte die Sippe den Menschen noch nicht gekannt und die schwarzen Elfen waren Gestalten ihrer Wintergeschichten gewesen.
„Die Zeiten haben sich gewandelt, Weitblick.“, sagte er leise. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn überhaupt gehört hatte. Für einige Augenblicke stand sie still, dann erst nickte sie. „Zu jedem Leben gehört der Wandel, Dornvogel.“ Ihre Stimme klang leise und sanft, so wie damals, als sie ihm und den anderen Kindern der Sippe die alten Geschichten erzählt und neue für sie erdacht hatte. Noch bevor er seinen Namen erlangt hatte, hatte er die Geschichte vom Dornvogel geliebt, dem er seinen Namen verdankte. Weitblick wandte sich von ihm ab und tastete sich langsam zu den Bäumen vor, um darauf zu warten, dass sie hinaufgebracht wurde.
Jetzt, als um Matras herum das Lager verborgen und auch die letzten Spuren verwischt wurden, fühlte er die Gemeinschaft, in die er hineingeboren und in der er aufgewachsen war, umso deutlicher. Es war ihm, als wäre er wieder ein Kind, geborgen in der Sippe, das den sanften Worten Weitblicks lauschte wie sie die alte Geschichte erzählte:

„Die Geschichte vom Dornenvogel

Vor langer Zeit schon, noch bevor irgendeiner, der jetzt in der Sippe lebt, geboren war, erzählten sich die Elfen der Wälder schon die Geschichte von dem Vogel, der nur ein einziges Mal in seinem Leben singt: dann, wenn er stirbt.
Viele Herzen hat die Geschichte seitdem berührt und jeder, der jemals einen Schmerz in seiner Brust empfand wie einen Dorn, der wird die Geschichte behalten und vielleicht selbst eines Tages weitertragen.
Der Vogel nämlich bezahlt mit dem Leben für sein Lied, doch singt er dann süßer als jedes andere Geschöpf auf der Erde. Von dem Augenblick an, an dem er das Nest verlässt, sucht er nach dem einen, nach seinem Dornenbaum. Der Vogel ruht nicht eher, als bis er ihn gefunden hat.
Und wenn er im Gezweig zu singen beginnt, dann lässt er sich darauf nieder, dass ihn der größte und schärfste Dorn durchbohrt.
Doch während er stirbt, erhebt er sich über die Todesqual und sein Gesang klingt herrlicher als das Jubeln der Lerche und das Flöten der Nachtigall. Er singt ein unvergleichliches Lied und für einen Moment hält die Welt inne und lauscht und der Himmel lächelt.
Der Vogel mit dem Dorn in der Brust folgt einem unwandelbaren Gesetz. Was ihn dazu treibt, zu singen und singend zu sterben, das weiß er nicht. In dem Augenblick, da ihn der Dorn durchdringt, ist er sich seines Todes bewusst. Er singt nur und singt, bis sein Herz aufhört zu schlagen. Er kann nicht anders.

Aber wir, so sagen die Elfen, die wir unsere Brust immer wieder mit unsichtbaren Dornen durchbohren, wir begreifen es und wir tun es dennoch. Und es ist wahr: die herrlichsten, wunderbarsten, schrecklichsten Lieder singen auch wir, wenn ein Dorn in unserer Brust steckt und sein Schmerz langsam unser Herz anzuhalten droht.“

Matras lächelte nicht, als er an die alten Worte dachte. Schon damals, als er noch viel zu jung gewesen war, die Worte wirklich zu verstehen, hatten sie sein Herz bewegt. Seither hatte der Jäger in den Wäldern nach dem Vogel gesucht, von dem die Geschichte erzählte. Aber wo er auch suchte, fand er nur Dornen.
Einmal war er, enttäuscht und bitter von einer weiteren, erfolglosen Suche, zu Weitblick zurückgekehrt, um sie um Rat zu fragen. „Wo soll ich noch suchen, Weitblick?“, hatte er gefragt. „Ich suche den Vogel nun schon viele Sommer lang, aber ich finde nichts als Dornen: die Kälte des Windes, Orks, die unseren Wald zerstören, Menschen an seinen Rändern und die Einsamkeit der Wölfe, über die sie im Mondlicht singen.“
Weitblick hatte damals traurig gelächelt und ihm lange Zeit nicht geantwortet. Dann hatte sie die Hand gehoben und sie auf sein Herz gelegt, zielsicher, als wüsste sie genau, wo es schlug. „Du suchst gar nicht den Vogel, Matras“, hatte sie gesagt und so traurig dazu gelächelt, dass der junge Elf von damals Angst bekam, „Du suchst deinen Dornbaum.“
Von da ab an trug Matras den Namen Dornvogel, aber er war nicht mehr ganze Sommer auf Wanderschaft, um den märchenhaften Vogel zu suchen.
Eine plötzliche Bewegung kurz vor seinem Gesicht riss ihn aus seinen Gedanken. Zuerst erschrocken zuckte er zurück, bis er bemerkte, dass vor ihm in der Luft drei braune Blätter tanzten und sich drehten. Hinter ihm lachte jemand und Matras brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass T’iralas dort stand und sich über einen gelungenen Streich freute. Die Stimme des Zauberwirkers ertönte auch gleich hinter dem alten Jäger. „Was schaust du so traurig drein, Matras? Grimmigkeit und Ruhe bin ich gewohnt von dir.“ T’iralas spracht stets in einem seltsamen, sich wiegenden Singsang, ganz so, wie er auch seine Zauber wob. Die Blätter sanken langsam vor Matras zu Boden. „Sind das Sorgen, die deine Schultern niedersinken lassen, als trügest du das Gewicht der Berge und Wälder auf ihnen?“ T’iralas umrundete Matras langsam. Sein langes, nachtschwarzes Haar floß weich seine Schultern hinab. Man wusste nicht genau, wo es endete und wo der Umhang aus schillernd schwarzen Rabenfedern begann, der T’iralas den Namen „Rabenfeder“ verliehen hatte. Seine blauen Augen musterten Matras nachdenklich und durchdringend. Dem alten Jäger war es schon lange nicht mehr gelungen, diesem Blick standzuhalten und so auch diesmal. „Ich sorge mich, Rabenfeder“, sagte er leise. Der Zauberwirker legte auf seine vogelhaft ruckartige Art den Kopf leicht schräg, dann sofort wieder auf die andere Seite. „Angemessen mag deine Sorge sein, Dornvogel“, sang er, „aber deine Stärke und Ruhe ist hier vonnöten. Furcht ist, was die Herzen vieler bewegt!“ T’iralas war bei seinen Worten nicht stehen geblieben sondern umrundete Matras weiter. Der Jäger wusste, dass die Worte wahr waren. Die Sippe verließ sich auf ihren erfahrensten Jäger. Er nickte knapp. „Sag den Jägern, sie sollen sich sammeln, Rabenfeder.“
In einem Wirbel aus schillernden Federn drehte sich T’iralas einmal um sich selbst und verbeugte sich galant, wie ein Fasan, der seinen Kratzfuß vor der Henne macht. Matras mochte den eigenartigen Humor des Zauberers nicht besonders, aber er war dankbar, dass T’iralas offensichtlich beschlossen hatte, die Jäger zu begleiten. Seine Art, Zauber zu weben, mochte von Nutzen sein und Rabenfeder hatte sein Wissen über Heilkunde mehr als nur einmal bewiesen.
Er sah dem Elfen nach, der mit wiegenden, schon beinahe tänzerischen Schritten zu den Jägern eilte, die noch dabei halfen, alles Nötige in die hohen Baumkronen zu schaffen. Mittlerweile war es dunkel geworden. Die ersten Elfen, die bleiben würden, waren schon zwischen den dichten Ästen der Bäume oben verschwunden. Gerade wurde eine mit zahlreichen dünnen Riemen umflochtene Schaukel heruntergelassen, die Jemeerlas Zwillinge nach oben tragen würde.
Der Mond war durch die Blätter hindurch zu sehen. Matras empfand sein silbernes Licht als tröstlich, als Schutz gegen die schwarzen Angreifer. Er ging zurück zu der Ausrüstung, die er für diese Nacht bereitgelegt hatte. Plötzlich fühlte er sich müde und alt. Er setzte sich und nahm seinen langen Jagdbogen in die Hände. Das Holz war sich kühl und geschmeidig. Er hatte den Bogen so oft gepflegt, so viele Jagden mit ihm bestritten und so viele Pfeile mit ihm verschossen, dass er ihn manchmal wie einen Teil von sich selbst sah und empfand. Nachdenklich strich er über das glatte Holz.
In seinem Kopf ging er die Möglichkeiten durch, wie sie alle diese Nacht überstehen sollten. Sie würden etwas mehr als ein halbes Dutzend Jäger sein, Elriee, eine noch junge Jägerin und die schnellste Läuferin, die er je gekannt hatte, Immalas Buchenblatt und Siah Weißfuchs, die jetzt nebeneinander standen und dabei halfen, Weitblick und Ilvara sicher in die Kronen der Bäume zu bringen, dazu T’iralas, er selbst und schließlich Learo und Ilvas, seinen Sohn. Wenn man von Rabenfeder absah, waren sie alle gute Bogenschützen und kannten den Wald. Würde die Gefahr allerdings zu nahe an sie herangelangen, als dass ein Bogenschuss sie abwehren konnte, würden sie T’iralas Hilfe brauchen. Seine Zaubereien waren nicht nur für die kleinen Tricks und Gaukeleien gut, mit denen er so gern prahlte wie ein Vogel mit seinem Gefieder.
Matras und Siah besaßen als einzige eine Waffe für einen echten Nahkampf, die anderen hatten nur lange Jagdmesser oder die Jagdspeere. Nie hatten die Elfen, die den bewaffneten Kampf untereinander nicht kannten, daran gedacht, an solche Waffen zu gelangen. Matras, der in seiner Jugend oft weit gewandert war und die Handelsplätze der Menschen und Zwerge gesehen hatte, hatte die Klingen, die die Sippe jetzt hatte, anfangs aus Interesse an den Sitten und der Art der fremden Völker heraus und die bloßen Klingen der Jagdmesser später wegen ihrer Qualität, eingetauscht und von Zeit zu Zeit mit Siah geübt, mehr aus Neugier denn aus Kampfeslust. Ihre Kenntnisse hatten sich später gegen die Orks bezahlt gemacht, aber hatten der brutalen Stärke der Gegner immer nur mühsam standgehalten. Auf einen solchen Kampf wie dem, der ihnen bevorstehen mochte, waren sie alle nicht vorbereitet. Sie würden sich auf ihre Kenntnis des Waldes und auf die starken Bögen verlassen müssen.
Es war nun vollends dunkel geworden. Die Jäger und Rabenfeder hatten sich einer nach dem anderen um Matras versammelt. Die übrigen aus der Sippe verbargen sich in den Baumkronen. Kein Wort und kein Laut außer dem Wind in den Blättern wehte von dort zum Waldboden hinunter, wo der Jäger saß und wartete. Immer noch gab es kein Zeichen von den beiden Spähern und jetzt, wo in der Stille der Nacht alle enger zusammenrückten, breitete sich die Sorge um die beiden aus.
Gerade wollte Matras trotz des Fehlens der Späher das Zeichen zum Aufbruch geben, als Ilvas zwischen den Dornsträuchern um den ehemaligen Lagerplatz herum hervortrat. Er schien außer Atem und müde zu sein, als er auf die kleine Gruppe zutrat.
„Wir haben sie gefunden“, sagte er. Matras war erstaunt über den ernsten Klang in der Stimme seines Sohnes. „Einer von ihnen ist tot, Learo ist noch dort und folgt den Spuren.“
Ilvas Stimme klang müde. Dennoch setzte er sich nicht, um auszuruhen. Mit einem Wink bat er sie alle, aufzustehen. „Kommt, ich führe euch zu dem Ort. Es ist gar nicht so weit, nahe des Waldrandes flussabwärts.“
Die fünf Elfen folgten ihm ohne großes Zögern. Matras ging als letzter und bevor er endgültig durch den kleinen, unscheinbaren Schutzwall aus Sträuchern trat, blickte er noch ein letztes Mal zurück. Der Lagerplatz war eine Waldlichtung wie viele andere auch. Einige Sommer und kalte Winter hatte die Sippe hier gelagert, die Zwillinge waren hier geboren, hier hatte Ilvara dem Fischer Eisvogel ihre Liebe offenbart und hier hatten sie alle miteinander geweint, als Lharion, der lange Zeit die Jäger der Sippe in der Jagd angeführt hatte, gestorben war, niedergerungen durch einen rasend zornigen Bären, der trotz der gezielten und tödlichen Pfeile, die Lharion auf ihn geschossen hatte, seinen Jäger noch mit in den Tod hatte reißen wollen.
Matras empfand viel für diesen Ort. Auch wenn die Sippe alle paar Jahre einen neuen Lagerplatz für sich suchte, fühlte er sich niemals heimatlos. Hier war sein zuhause, ein Zufluchtsort, geschützt vor Kälte und Wind, vor den Gefahren des Waldes, und stets angefüllt mit Zuneigung und Geborgenheit. All das verband er mit der kleinen Lichtung ebenso wie mit den Elfen, die auf ihr Schutz gefunden hatten.
Das Bild der friedlichen Lichtung im Mondlicht blieb ihm seltsam klar im Gedächtnis, auch noch während er Ilvas und den anderen durch den nächtlichen Wald folgte.

Zhar war tot. Der Gedanke erschütterte Jar’ezzar mehr, als er gedacht hätte, je für den Tod eines anderen empfinden zu können. Zhar war für ihn eine Art Lehrmeister gewesen, jemand, der schon doppelt so lange wie er selbst dem Haus diente. Nun war er schlicht tot, gestorben an seiner eigenen Torheit. Nie hätte Jar’ezzar gedacht, dass Zhar so schnell und einfach zu töten war. Immer war der Kundschafter schneller gewesen, hatte einen Zug weiter gedacht, war ein Quentchen besser gewesen.
Der Krieger presste seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Es war Zeit, so dachte er, während er auf Händen und Knien seinen Weg durch die Gräser und Farne suchte, alte Vorbilder abzuschütteln. Er war längst aus dem Stadium des Lernens heraus, an dem er noch zu Narren wie Zhar aufblicken sollte. Die lichte Dunkelheit an der Oberfläche und der nie abebbende Geräuschpegel beunruhigten ihn bei weitem nicht so sehr wie die älteren Krieger und Kundschafter. Ihre Unfähigkeit, sich dem Neuen anzupassen, war nur ein Vorteil für ihn. Trotzdem ließ sich die unbestimmte Furcht vor dem Gegner, den er nicht einmal gesehen hatte, nicht abschütteln. Immer wieder hielt er inne, um den Nachtgeräuschen zu lauschen, in ihnen Schritte herauszuhören, die gar nicht da waren, oder das leiseste Rascheln, wenn sie vielleicht einen Pfeil aus dem Köcher zogen und auf die Sehne legten... . Jar’ezzar zwang mühsam die Furcht zurück.
Der Dunkelelf kroch auf Händen und Knien durch das Unterholz. Sein Atem ging flach, nur mühsam beherrscht. Die dunkle, obsidianfarbene Haut hatte zahllose Kratzer erhalten, dort, wo die schwarze Rüstung sie nicht schützte. Kletten und kleine Zweige hatten sich in den silberweißen, einst streng mit schwarzen Bändern zurückgeflochtenen Haaren verfangen.
Die seltsamerweise so stille Szene, wie Zhar von den Pfeilen der Elfen getroffen auf der mondbeschienen Lichtung im Wald gefallen war, hatte sich ihm ins Gedächtnis gebrannt und saß ihm im Nacken wie ein Parasit, der nun seine Angst trank.
Dennoch gestattete der Krieger es sich nicht, die lähmende Furcht Oberhand gewinnen zu lassen. Sein Atem war immer noch beherrscht, seine Bewegungen präzise und ohne Fehler. Jar’ezzar hatte von seiner Lautlosigkeit nichts eingebüßt. Allmählich, je länger er durch das Unterholz, zwischen Farnen und Gräsern hindurchkroch, konnte er die Angst zurückdrängen. Der Krieger hielt inne. Für einen winzigen Moment lang wirkte er wie nichts weiter als ein bizarr geformter Schatten im Wald.
Die Illusion wurde jäh zerstört, als er den Kopf zurückwarf und ein schriller, durchdringender Laut seiner Kehle entrann. Das trillernde Kreischen schien wie etwas, das niemals einer elfischen, nicht einmal einer menschlichen oder irgendeiner Kehle entrinnen durfte. Es hatte etwas metallisches an sich. Dennoch gelang es dem Krieger, den Laut beizubehalten.
Die kurze, gekrümmte Klinge eines Dolches blitzte kurz auf, als er in dem Baumstamm, neben dem er kauerte, einige Kerben hieb.

Die Kriegerin, die im Schutz des umgestürzten, morschen Leichnams eines Baumes kauerte, fuhr bei dem seltsamen Laut herum. Die Spinne huschte davon, scheinbar verschreckt durch den schrillen Laut. Für die Kriegerin hatte er etwas entsetzlich vertrautes an sich. Im Unterreich war dieses Kreischen gefürchtet, der Gesang der Draga’zhar, jener kleinen, geflügelten Jäger, die für ihre Hinterhältigkeit selbst unter den Drow berüchtigt waren, und die dem toten Kundschafter Zhar seinen Namen verliehen hatten.
Ein Lächeln blitzte in dem dunklen Gesicht der Kriegerin auf. Ihre mandelförmigen Augen gewannen langsam ein rötliches Glühen, als ihre Sicht langsam in die Infravision hinüberwechselte. Mit einem Male verlor das Mondlicht und die verwirrenden, huschenden Schatten an Bedeutung. Die Bäume, der Boden, selbst die Luft bekam nun ihre Farbe. Langsam stand sie auf. Die ersten Schritte schienen noch zögernd, dann aber bewegte sich die Dunkelelfe schneller, hin zur Quelle des Rufes. Das Risiko war ihr bewusst, die Elfen mochten hier noch immer lauern und wenn sie es taten, hatten sie den Schrei der Draga’zhar ebenso gehört. Ein solcher Schrei gehörte nicht hierher und kroch nur in Albträumen an die Oberfläche der Welt.
Dennoch eilte die Kriegerin auf seine Quelle zu, wie eine Motte auf das tödliche Licht zueilt. Mehr als ein Ast knackte unter ihren Füßen, Blätter raschelten aneinander, der Wald flüsterte mit hundert Stimmen von ihrer Anwesenheit in ihm.
Sie musste eine Weile suchen, irrte im Kreis, ließ sich von den verschiedenen, für sie in allen Farben schillernden Luftströmungen irreführen, bis sie den Baum fand, an dem der Krieger gekauert hatte. Ihre Hand glitt suchend und tastend den rauen Stamm entlang. Ihre Bewegungen waren beinahe fahrig, fiebrig und eine Spur zu hastig, als sie den Handschuh abstreifte. Wieder tastete sie den Stamm entlang und endlich fand sie die Kerben, dicht am Boden. Mit den Fingerspitzen ertastete sie die Bedeutung, die sie haben mochten, Runenzeichen wie sie sonst im Unterreich an die Wände der Stollen, Gänge und Gewölbe geritzt waren.
Und je mehr von dem Sinn der Runen die Kriegerin erfasste, desto grausamer wurde das Lächeln, das ihre Lippen umspielte. Der Triumph, der darin lag, hätte jeden erschauern lassen, der sie sah. Aber hier, allein im Wald, sah sie niemand.
Erst jetzt schien sie wieder zur Besinnung zu kommen. Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, aber in dem roten Glühen ihrer Augen blieb der Triumph zurück. Wie ein drittes, böses Auge schien der Rubin an ihrem Gürtel das Gefühl aufzufangen und in seinen kristallenen Facetten widerspiegeln zu wollen.
Vielleicht war es purer Übermut, eine Herausforderung an den Tod selbst oder einfach nur Torheit, aber die Kriegerin legte den Kopf in den Nacken wie der Dunkelelf, der hier vor kurzer Zeit noch gekauert hatte. Und ebenso wie er stieß sie denselben, kreischenden Schrei aus, heller als er, durchdringender und genauso unnatürlich. Ein Nachtvogel flatterte erschrocken in den Baumkronen über ihr auf. Sein krächzender Protest und der hektische, pfeifende Flügelschlag vermischten sich mit dem Schrei, solange er anhielt.
Dann erst stand sie auf und stahl sich langsam davon, wieder in den Wald. Sie blickte nicht zurück, verharrte auch nicht versteckt, um abzuwarten, ob die Elfen angelockt worden waren. Katzenhaft lautlos verschwand sie in den Schatten, die zwischen den schmalen Inseln mit Mondlicht so schwarz und tief wirkten, dass sie alles in sich verschlucken konnten ohne eine Spur zu hinterlassen. Die schlanke Gestalt der Dunkelelfe tauchte in sie ein und zurück blieb erschrockene Stille. Diesmal zeugte kein Blätterrascheln oder das allzu laute Knacken eines trockenen, toten Zweiges von ihren Bewegungen.
Die Dunkelheit war das Jagdrevier der Drow. Sie waren die Jäger auf ihrer eigenen, blutigen Jagd. Den Tod wieder und wieder herauszufordern, dann lautlos kurz außerhalb seiner Reichweite zu verharren und andere in seinen schwarzen Abgrund stürzen zu sehen, das war die Aufgabe der Drowkrieger.
Kaum einen Steinwurf von dem Lagerplatz mit den Echsen entfernt blieb sie stehen. Auf der anderen Seite des Lagers, in dem sich die Leiber der Echsen in den Schutz der Baumstämme drängten, konnte sie eine Bewegung wahrnehmen. Die farbenschillernde Wärmesicht gestattete ihr, Jar’ezzars Zeichen zu erkennen und sie duckte sich wieder tiefer in ihre Deckung.
Zwischen den beiden Kriegern lag still das Lager. Die Echsen stampften von Zeit zu Zeit auf, ihr verhaltenes Zischen zeugte von ihrer Furcht vor dem Wald. Bis zu dem Platz, an dem die Kriegerin wartete, drang der scharfe Geruch der Reittiere hinauf. Er roch bitter und hatte zugleich einen süßlichen Unterton. Für die Kriegerin erinnerte er an das gerinnende Blut der Opfer auf dem Altar der Göttin, vermengt mit dem schweren Geruch des Rauches in der Opferschale.