TinTamarras Zustand war derzeit nicht der beste, so schien es. Sie hatte ihre dunkle, schwere und mittlerweile auch zerkratzte Rüstung schon längst gegen weicheres Leder eingetauscht, aber auch das wies mittlerweile deutliche Spuren der Beanspruchung auf. Mit einem wütenden Knurren ließ sie sich wieder in die Hocke sinken, um weitere Dornen aus ihrer Hose und ihren Stiefeln zu pflücken. Es war ihr schleierhaft, wie die Dornen bis unter ihre Fusssohlen gelangen konnten, aber sie taten es. Sie hasste den Wald. Alles hier schien sich gegen sie verschworen zu haben. Dornen und Äste griffen nach ihr, Ranken schlangen sich um ihre Füße, Beeren, die eben noch essbar erschienen, waren in Wirklichkeit voller Maden. Nicht, dass die Dunkelelfe sich von Maden abschrecken ließ - eigentlich schmeckten sie gar nicht so übel, verglichen mit einigen anderen Dingen, die sie schon hatte essen müssen - aber ohne Maden wäre die Mahlzeit vermutlich besser gewesen. Gereizt kniff sie die Augen zusammen und blinzelte in das heller werdende Sonnenlicht. Ihre Augen hatten Jahre Zeit gehabt, sich an die Sonne zu gewöhnen, aber immer noch ließ sie das grelle Licht schwindeln. Ihre Augen waren gerötet und tränten, diese abgrundverfluchten Kratzer, die sie sich im Wald und bei Ilija zugezogen hatte, brannten wie Feuer. Sie hasste diese Schwäche. Wütend wollte sie gerade ihren dornenbesetzten Stiefel von sich schleudern, als ein Rascheln sie herumfahren ließ.
Etwas zischte, gerade noch rechtzeitig konnte sie sich ducken und der grüngefiederte Pfeil bohrte sich in den schlanken Baumstamm hinter ihr.


Mit einem halb wütenden halb erschrockenen Fauchen warf sie sich herum und kroch um den Baum herum. Kaum eine Handbreit von ihrem Ohr entfernt zischte ein zweiter Pfeil heran, aus einer völlig anderen Richtung.
Verzweifelt grabschte sie nach ihrem Stiefel, stand geduckt auf und sprang in die Deckung des Unterholz. Ein dritter, vierter und fünfter Pfeil sirrten heran. Einer traf sie an der Schulter und ließ sie taumeln, nur mühsam erreichte sie das Deckung versprechende Gestrüpp. Mit schmerzverzerrtem Gesicht taumelte sie weiter - nur nicht stehenbleiben - der Wald, die Strahlen der Sonne, die durch das Blätterdach fielen, die vielen Geräusche und Gerüche: auf einmal schien sich alles um sie her zu drehen und ergab keinen Sinn mehr. Und plötzlich fiel sie. Der Waldboden unter ihr schien nachzugeben, Laub und Erde regneten auf sie ein, der Himmel und die dunkle Erde vertauschten ihre Plätze, drehten sich umeinander und auf einmal war alles dunkel.


Als sie wieder erwachte, schwankte das Blätterdach über ihr immer noch. Ihre Schulter schmerzte und eine Strähne ihres hellen Haares kitzelte sie an der Nase. Sie nieste. Etwas drückte sie in die Seite. Gerade wollte sie nach ihrer Schulter tasten, als sie feststellte, dass das nicht ging. Ihr Arm hing fest. Langsam und mühsam schüttelte sie den Kopf und blinzelte. Das Schwanken hatte nicht aufgehört. Ärgerlich wollte sie aufspringen, aber ihre Beine fanden keinen Halt. Sie knurrte wütend. Langsam lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Mit einem Ruck öffnete sie sie wieder, als sie merkte, wie nachgiebig ihre "Lehne" war. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete sie ihre Umgebung genauer. Die hellen Sonnenstrahlen verwirrten sie und schienen seltsame Muster zu malen. Sie hing fest, einige Meter über dem Boden, gefangen in einem Netz aus groben Seil und Ranken.
Mit einem wütenden Fauchen warf sie sich gegen ihr hängendes Gefängnis, aber die Seile gaben einfach nach und sie verhedderte sich hoffnungslos. Ihr Stiefel, den sie auf der Flucht noch nicht losgelassen hatte drückte ihr nun unter das Kinn und sie starrte hasserfüllt auf die Stränge des Netzes. Der Schmerz an ihrer Schulter war zu einem dumpfen Pochen herabgesunken. Der Pfeil steckte noch in dem Schulterpolster ihrer Rüstung und stach in ihre Haut, aber schien sie nicht ernsthaft verletzt zu haben. Hoffte sie. Langsam versuchte sie, einen Arm freizubekommen. Sie würde hier bald herauskommen müssen oder ihre Verfolger würden sie haben. Und sie machte sich keine Illusionen darüber, was dann geschehen würde. Die verfluchten Darthiir - Elfen - würden mit ihr ebensowenig Gnade walten lassen wie sie mit ihnen. Sie hatte zwei von ihnen getötet und war auf der Jagd nach mehr von ihnen gewesen. Nun war sie vom Jäger zum Gejagten geworden und, wenn nicht bald etwas geschah, vom Gejagten zur Beute.
Es war ein Fehler gewesen, den Kampf auf dem Terrain der Waldelfen fortzusetzen. Lloth verzieh keine Fehler und keine Schwäche und TinTamarra durfte nun kaum auf ihre Gnade hoffen.


Sich windend und drehend bekamt sie langsam einen Arm zu ihrer Schulter. Fingerbreit um Fingerbreit zog sie den Pfeil aus dem metallverstärkten Leder, bis er abbrach. Die Spitze steckte fest, aber machte so kaum mehr Schwierigkeiten, hoffte sie. Vorsichtig bewegte sie die Schulter - sie schien sich wirklich nicht ernsthaft verletzt zu haben.
Ihre Finger tasteten nach ihrem Kryss. Aber es steckte hoffnungslos fest. An die Dolche kam sie nicht heran. Sie fluchte leise. Viel Zeit würde ihr nicht mehr bleiben.
Der verdammte Stiefel störte sie beim Nachdenken. Hartnäcktig drückte sein Absatz gegen ihr Kinn. Sie selbst hatte diesen Absatz nur allzugerne gegen das Kinn anderer Leute gedrückt aber SO gefiel ihr das ganz und gar nicht. Langsam zwängte sie ihre Hand vor, um den Stiefel wegzuziehen. Ihre Verfolger konnten schon ganz nah sein - sie sah die abgrundverfluchten Darthiir in diesem Wald einfach nie rechtzeitig. Ihre Hand endlich am Stiefelschaft, begann sie, ihr langsam nach unten zu ziehen. Ihre Finger fühlten plötzlich eine Verdickung im Leder und sie stöhnte leise auf. Was war sie doch für eine Närrin! Mit den Zähnen bis sie in die Stiefelsohle und verzog das Gesicht. Langsam zog sie ihn wieder nach oben, so dass ihre Hand in den Stiefel gleiten konnte. Ihre Finger schlossen sich um den kühlen Griff des schlanken Dolches, der in ihrem Stiefelschaft verborgen war. Fast hätte sie triumphierend gelächelt, hätte sie nicht diesen Stiefel im Mund.


Im Unterholz hinter sich hörte sie ein leises Rascheln. Verzweifelt zerrte sie an dem Dolch, der irgendwo festzuhängen schien und mit einem Ruck kam er endlich frei, aber das Netz begann von neuem, zu schwanken und sich zu drehen.
Die Zähne immer noch in das Stiefelleder vergraben, setzte sie den Dolch an einem Strang des Netzes an und begann, ihn zu zerschneiden. Das Seil war nachgiebig und sie kam langsam, viel zu langsam voran.
Verzweifelt verdoppelte sie ihre Bemühungen, aber sie hatte kaum Platz, um auszuholen und war erschöpft von der langen Jagd. Was musste sie für ein lächerliches Bild abgeben! Gefangen in einem Netz, von Dornen zerkratzt und zerzaust, wehrlos und erschöpft. Sie hasste diese Schwäche. Wütend sägte sie an dem Strang herum.
Mit einem lauten Knall zerriss das Seil endlich, die übrigen Seile wurden durch ihr Gewicht durchgedrückt und sie rutschte ein gutes Stück nach unten. Sich windend versuchte sie, das Loch im Netz zu vergrößern, die Stränge gaben plötzlich nach und sie fiel. Hilflos ruderte sie mit den Armen, der Dolch viel zu Boden und mit einem Ruck kam ihr Fall zum Stillstand. Kopfüber baumelte sie immer noch einen guten Meter über dem Waldboden. Der Fuss, der noch in einem Stiefel steckte, hing in den verhedderten Überresten des Netzes fest. Sie zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen, um doch noch freizukommen


Das Unterholz vor ihr teilte sich und eine schlanke Gestalt trat heraus. Sie hatte einen Speer weit vor sich gestreckt und näherte sich der hilflos baumelnden Dunkelelfe vorsichtig.
TinTamarra zischte wütend und warf den Stiefel nach dem Waldelf. Aber kopfüber wie sie hing war das Zielen schwer und der Stiefel ohnehin kein gutes Wurfgeschoss. Harmlos landete er neben dem Waldelf in einem Haufen Blätter. Sie fluchte und versuchte, ihr Kryss zu ziehen.
Der Waldelf vor ihr zuckte zusammen - offensichtlich war er noch jung - und stieß sie dann mit dem Speer an. Sie ruderte mit den Armen, auch das Kryss entglitt ihrem Griff und fiel zu Boden. Mit einem sehr uneleganten "plopp" löste sich ihre Fuss auf dem festhängenden Stiefel und sie fiel wieder.
Der Waldelf zischte irgendetwas in seiner ihr völlig unverständlichen Sprache und stürzte sich auf sie. Nur mit Mühe entging sie seiner erneuten Attacke, der Speer ritzte nur über ihre Seite und sie rollte sich von dem wütenden Elfen fort.
Hastig zog sie einen ihrer noch verbliebenen Dolche und wog ihn in der Hand. Der Elf umkreiste sie langsam.