Der Wind heulte laut in den Baumkronen der dichten Wälder Britannias. Regen und kirschkerngroße Hagelkörner prasselten zwischen die grünen Blätter, ließen junge Äste knacken und die wilden Tiere Schutz in ihren Nestern und Höhlen, unter ausladenden Ästen oder im Windschutz dichter Tannendickichte suchen. Dicht über den Hals einer vor Nässe glänzenden Reitechse gebeugt, kauerte ein Reiter auf dem müden Reittier. Mühsam stolperte die Echse gegen Wind und Wetter den schlammigen Pfad entlang, der sich durch den Wald zwischen Trinsic und Britain wand. Der Wind blähte den weiten Umhang des Reiters auf und ließ die Gestalten von Reiter und Tier sich gespenstisch und grotesk verzerren.

Ein einzelner Blitz zuckte über den nachtschwarzen Himmel und fast auf dem Fuße folgte der Donner. Gleißend Hell schlug der Blitz in eine hohe Eiche am Wegesrand ein. Der gewaltige Stamm spaltete sich mit einem dumpfen Ächzen in zwei Teile und kippte langsam, fast als würde die Zeit auf einmal langsamer als sonst vergehen, auf die Straße. Funken, Äste und einzelne Holzsplitter krachten mit ihm auf den Weg. Die Echse bäumte sich entsetzt auf und kreischte hell, die Augen panisch verdreht, so dass nur noch das Weiße in ihnen zu sehen war. Das furchterfüllte Kreischen der Echse klang fast wie das eines kleinen Kindes, sie wich zurück und mit einem Ruck wurde der Reiter von ihrem Rücken geworfen, als sie im Schlamm des Weges ausglitt. Krachend schlug der Reiter auf dem Weg auf. Kopflos und in Panik floh die Echse vor dem brennenden Baum.

Später in der Nacht war das Gewitter vorübergezogen. Silbernes Mondlicht glitzerte auf den nassen Blättern und spiegelte sich in den zahlreichen Pfützen auf dem aufgeweichten Weg. Eine reglose Gestalt lag neben den verkohlten Trümmern einer gewaltigen Eiche auf dem Pfad. Schlamm und Regen, Holzsplitter und kleine Blätter besudelten den feinen Umhang und die dunkle Lederrüstung der Gestalt. Helles, feines Haar quoll aus der Kapuze hervor, die ihr gänzlich über den Kopf gerutscht war. Der Wind zerrte an der Kapuze und legte schließlich das Gesicht der Gestalt frei. Ebenholzfarbene Haut, ein Gesicht, eingerahmt von silberweissem Haar, mit hohen Wangenknochen. Mühsam blinzelte die Dunkelelfe, ihre roten, mandelförmigen Augen waren noch glasig und benommen.
Sie stöhnte leise. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und ihre Hand glitt an den Knauf eines Dolches an ihrem Gürtel. Aber ausser dem Wind und dem Wald mit all ihren Klängen war niemand da. Langsam entspannte sie sich und stand taumelnd auf. Der Blick der roten Augen glitt über die dichte Mauer des Waldes, den schlammigen Weg und schließlich zu den Sternen. Es schien, als versuchte sie, am Stand des Mondes die Zeit abzuschätzen, die vergangen war und zuckte zusammen. Zu spät, sie würde viel zu spät bei ihrer Herrin ankommen und die Strafe für solche Fehler war hart. Wieder glitt ihr Blick über den Wald. Der Weg durch ihn hindurch würde ihr Stunden auf dem schlammigen Pfad abkürzen... .

Das leise Wispern der Blätter im Wind begleitete die Dunkelelfe auf ihrem Weg durch den Wald. Wie Schatten durch Schatten huschte sie durch die Nacht. Immer wieder blieb sie stehen und blickte sich um. Die dunklen Bäume, stumm und doch lebendig, türmten sich vor ihr auf. Sie wusste wohl, wer Herr in diesem Wald war. Sie hasste seine Herren, sie hasste die Elfen. Sie hetzte weiter.

Erschöpft hielt sie inne. Kletten, kleine Äste, Dornzweige und Blätter hatten sich in ihrer Rüstung verfangen, fast, als hätten die Bäume selbst versucht, sie festzuhalten. Unzählige kleine Schrammen verunzierten die sonst makellose Haut. Sie kauerte sich hin und schöpfte Atem. Mühsam blinzelte sie zu den Sternen empor. Welche Richtung...?
"Usstan phlith l´darthiiren!", flüsterte sie. "Usstan daewl nind orn´la jal el ulnin!"
Sie wünschte den Elfen und ihrem Wald den Tod.

Ein leises Geräusch ließ sie herumfahren und sich ducken. Ihre Hand lag auf dem Knauf ihres Dolches noch bevor sie das Geräusch ausmachen konnte. Sie hörte leise Stimmen, zwei Stimmen. Worte in einer fremden und doch elend vertrauten Sprache. Melodisch, lachend, voller Fröhlichkeit. Die Dunkelelfe verzog hasserfüllt das Gesicht, ihre roten Augen glommen auf vor Blutdurst.

Langsam und geduckt folgte sie den Stimmen. Zwei Stimmen, ein Mann, eine Frau. Sangen sie oder sprachen sie nur? Beide Stimmen waren so voller Musik und Leben, dass es beinahe schmerzte.
Ein Liebespaar, so schien es. Eng umschlungen saßen sie an einen Baumstamm gelehnt und blickten auf eine in Mondlicht getauchte Lichtung. Küsse und leises Lachen wechselten einander ab und beide, der Elf und die Elfe, schienen Teil der Lichtung und des Mondlichts selbst zu sein. Das blonde Haar der Elfe fiel in seidenen Locken über ihre Schultern und reichte bis auf den Boden. Ihre grünen Augen hingen an den Lippen ihres Begleiters, eines Elfen mit sonnengebräunter Haut und hellem Haar. Er schien ihr etwas vorzusingen oder zu erzählen und sie lächelte. Zärtlich küsste sie seine Hand und schmiegte sich enger an ihn.

Glutrote Augen beobachteten die Szene. Die Dunkelelfe wirkte wie ein Fremdkörper nahe der Lichtung, wie ein Schatten auf sonst makellosem Silber. Sie duckte sich tiefer in den Schutz eines Haselstrauches und zog langsam ihren Dolch. Die Klinge war schwarz und leicht gewunden, an ihrer Außenseite stachen geschwungene Widerhaken nach außen.
Grenzenloser, unstillbarer Hass glomm in ihren Augen und verzerrte die sonst so eleganten, grazilen Gesichtszüge ins Groteske. Hass und Blutdurst waren es auch, der sie ihren Arm heben ließ, die Entfernung zu den beiden Elfen sorgfältig abschätzen ließ. Neid und Grausamkeit waren es, die sie dann innehalten ließen.
Sorgsam zielte sie, beherrschter diesmal. Ein grausames, unerbittliches Lächeln umspielte ihre Lippen.

Es zischte leise, als der Dolch durch die Luft wirbelte. Es pochte nur dumpf, als er sein Ziel fand. Für einen Augenaufschlag lang herrschte entsetzte Stille auf der Lichtung. Der Wald selbst schien den Atem anzuhalten. Eine einzelne Wolke schob sich vor den silbenen Mond und warf Schatten auf die einst silberne Lichtung. Rotes Blut rann den goldenen Hals der Elfe hinunter und hinterließ Spuren im weichen Gras. Fassungslos starrte der Elf seine Geliebte an und auch den Dolch, der wie ein schwarzes, widerwärtiges Insekt im Hals der Elfe steckte. Ihre Augen starrten gebrochen in seine. Das Licht in ihnen war erloschen und würde nie wieder das seine finden.


Das Lächeln der Dunkelelfe war grausam und brutal. Ein zweiter Dolch wirbelte durch die Luft, aber nicht, um den Elfen zu töten. Es wäre ein leichtes gewesen. Aber die Drow wollte nicht töten, sie wollte Schmerzen bereiten. Und dieser Elf durchlitt wahren Schmerz, als er seine tote Geliebte in den Armen hielt. Dumpf schlug der zweite Dolch im Baumstamm neben ihm ein. Schwarz wie der erste, aber glatter und leichter. Auf seiner Klinge eingraviert fand sich eine einzelne Rune.

Die Dunkelelfe zog sich langsam zurück. Sie würde dem Elfen keine Zeit geben, sich zu erholen und keine Zeit, sie zu finden. Ihm sollte nichts bleiben als die Erinnerung an Schmerz, verbunden mit dieser einen Rune.